15.000 Kommentare in 48 Stunden

Nach TV-Eklat: Katja Riemann im Shitstorm

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Katja Riemanns NDR-Interview wurde zum Eklat, der einen Shitstorm im Internet auslöste.

Hamburg - Der pampige Diva-Auftritt von Katja Riemann im NDR ist zum Riesen-Aufreger im Internet geworden. Jetzt musste das Management der Schauspielerin die Online-Reißleine ziehen.

Es war ein Interview wie ein Autounfall: Man wollte gar nicht hinschauen, konnte aber auch nicht wegschauen. Im NDR-Abendmagazin "Das!" gab die Schauspielerin am Freitag die Megazicke und ließ den Moderator Hinnerk Baumgarten 45 Minuten lang konsequent auflaufen. Das Gespräch, dem sich Riemann in weiten Teilen verweigerte, wenn sie nicht gerade pampig herumnörgelte, wurde zum Internet-Hit. Und der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Jetzt ging Riemann erst einmal offline.


Was war passiert? Eigentlich saß die 49-Jährige auf der roten Studio-Couch, um ihren neuen Kinofilm vorzustellen. Doch ganz offensichtlich war der sowieso schon als schwierig geltenden Mimin an dem Tag eine Laus über die Leber gelaufen. Auf die trivialen Fragen zu antworten hatte sie wohl keine Lust, sie rollte die Augen, zog Grimassen und wurde regelrecht aggressiv, als in einem Einspieler Menschen aus ihrer Heimat über sie nette, harmlose Dinge sagten. "Wahnsinnig peinlich" sei das, warf sie dem von der Situation sichtlich überforderten Moderator an den Kopf. 

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Peinlich fanden hingegen Tausende die Schauspielerin. Neben harter Kritik hagelte es Beleidigungen und böswillige Unterstellungen. "Vogelscheuche!", regt sich etwa User Tomi Booyy auf Facebook auf, "überheblich"nennt "Dörte Grosser" die Schauspielerin, die ihrer Meinung nach "an maßloser Selbstüberschätzung leidet" und "ihre besten Zeiten wohl längst hinter sich" habe.

Doch es gibt auch Nutzer des sozialen Netzwerks, die Baumgarten die Schuld geben. Das Interview sei schlecht gewesen, sagen manche und kritisieren die "hohlen Fragen" und die "Themensprünge" des Moderators. Den Einspieler vorher nicht mit der Schauspielerin abzusprechen sei eine "Frechheit vom Sender", meint etwa "Katrin Gödelitz". Riemanns einziger Fehler sei gewesen, überhaupt in die Sendung zu gehen. Die Ehrlichkeit der genervten Mimin findet nicht nur "Nina Kantowski" sympathisch.

Bekannte Shitstorm-Fälle

Facebook und Twitter bieten Unternehmen eine Plattform, um mit Kunden ins Gespräch zu kommen. Manchmal geht das gehörig schief: Dann braut sich ein Sturm der Empörung zusammen, im Netzjargon Shitstorm genannt. Glück im Unglück ist, wenn das Image nicht drunter leidet. © dpa
DELL: Einen der ersten Shitstorms löste der amerikanische Blogger und Journalismus-Dozent Jeff Jarvis 2005 aus. Er postete seinen Frust über den Kundenservice und die Produkte des Computerherstellers Dell - andere Nutzer schlossen sich an. Über die „Dell Hell“ (Dell-Hölle) berichteten auch zahlreiche Medien. © dpa
NESTLÉ: Die Umweltschutzorganisation Greenpeace startete 2010 eine Kampagne gegen den Schokoriegel Kitkat. Der Vorwurf: Durch die Nutzung von Palmöl werde der Regenwald und damit der Lebensraum der Oran-Utans zerstört. Das Schock-Video der Umweltschützer verbreitete sich rasant. Hersteller Nestlé ließ den Clip und die vielen Kommentare aus dem Netz löschen. Die Reaktionen darauf waren noch heftiger. © dpa
O2: Ein Blogger beschwerte sich 2011 wegen Netzproblemen bei dem Unternehmen - und bekam die Antwort, es handele sich um einen Einzelfall. Daraufhin startete er die Aktion „Wir sind Einzelfall“. Tausende Betroffene meldeten sich. O2 gestand bald ein, dass es nicht nur Einzelfälle gab und versprach, sein Netz auszubauen. © dpa
SCHLECKER: 2011 geriet ein Brief des mittlerweile insolventen Unternehmens an die Öffentlichkeit, in dem es seinen neuen Slogan „For You. Vor Ort.“ mit dem „niedrigen bis mittleren Bildungsniveau der Zielgruppe“ verteidigte. Auf Facebook, Twitter und im Blog der Firma reagierten die Nutzer empört. © dpa
ING DIBA: Nach einem Werbespot, in dem Basketballer Dirk Nowitzki eine Scheibe Wurst verspeist, fluteten Vegetarier und Veganer Anfang 2012 die Facebook-Seite der Bank. Nach einer Weile schloss das Unternehmen die Diskussion und ließ keine neuen Kommentare zu dem Thema mehr zu. © dpa
PRIL: Der Henkel-Konzern wollte 2011 im Netz das Design für eine limitierte Edition seines Spülmittels Pril bestimmen lassen. Das Unternehmen fand den Favoriten der Nutzer mit einem Grillhähnchen auf dem Etikett wohl unpassend und ließ eine Jury die beiden Designs mit den wenigsten Stimmen aus den Top 10 auswählen. Die Teilnehmer fühlten sich verschaukelt und machten ihrem Ärger im Internet Luft. © dpa
DEUTSCHE BAHN: Quer durch Deutschland für 25 Euro - mit einem solchen Sparangebot wollte die Deutsche Bahn im Oktober 2010 die Nutzer auf ihre Facebook-Seite locken. Doch viele kamen nicht wegen des „Cheftickets“, sondern um ihrem Ärger über verspätete Züge insbesondere nach einem stundenlangen Streik sowie das Bauprojekt Stuttgart 21 Luft zu machen. Darauf war die Bahn nicht vorbereitet, viele Kommentare blieben unbeantwortet. Im Sozialen Netzwerk braute sich ein Shitstorm zusammen, ein unkontrollierter Sturm aus Wut und Empörung. © dpa

Das Management der Schauspielerin wollte zunächst nur "beleidigende Kommentare" löschen. Doch von denen gab es dann wohl einfach zu viele, als die Lawine ins Rollen kam. " In den letzten 48 Stunden haben wir weit über 15.000 Kommentare, eMails und Gästebucheinträge zum TV-Auftritt von Frau Riemann in der Sendung Das! gelesen. Jeder hatte Zeit seine Meinung kundzutun. Irgendwann ist genug", war heute auf der Homepage zu lesen. Die Seite ist immer wieder überlastet oder gesperrt, auch Eintragungen auf das Facebook-Profil waren zeitweise nicht mehr möglich. 

Eine "Win-Win-Situation" ist der TV-Eklat allerdings für Katja Riemanns neuen Film. So wertet auch User "Jörn Schörn" das Bohei um das Interview und ist sich sicher, dass der Film keine bessere Werbung hätte bekommen können. 

hn

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