10 Jahre OVB24

Der brutale Mord an einer Afghanin in Prien aus Sicht unserer Reporterin

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Blumen und Bilder erinnern an den Ort mitten in Prien, an dem eine Afghanin brutal ermordet wurde. 
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Prien am Chiemsee - Prien liegt an einem der schönsten Fleckerl Oberbayerns. Dass ausgerechnet hier eine grausame Gewalttat verübt wird, klingt eher nach einem Provinzkrimi - wurde jedoch im Frühjahr 2017 traurige Realität. Der brutale Mord eines Afghanen an einer Landesfrau vor dem Lidl-Supermarkt im Herzen der Gemeinde wird nicht nur unserer Reporterin Marina Birkhof lange im Gedächtnis bleiben. 

Im Rahmen unseres 10-jährigen Firmenjubiläums schildern unsere Reporter die eindringlichsten Ereignisse in der Region noch einmal aus ihrer Sicht.

Der Countdown läuft: 10 Jahre OVB24 - 10 Megapreise!

OVB24.de-Reporterin Marina Birkhof 

Als am frühen Samstagabend des 29. April 2017 auf meinem Diensthandy die Eilmeldung erscheint, dass in Prien am Chiemsee gerade ein großer Polizeieinsatz am Laufen ist, wurde mir bereits mulmig. Ich hatte an diesem Wochenende Bereitschaft - das bedeutet bei den Online-Nachrichtenportalen von ovb24.de, dass jeweils einer unserer sechs Reporter sich an den Wochenenden und Feiertagen für Ausnahmeeinsätze bereithalten muss. Und an diesem Abend, das wusste ich noch bevor die Kollegen mich anriefen, geschah etwas, das einen solchen Ausnahmeeinsatz erfordert

Es gibt schönere Reportagen

Nachdem feststand, dass sich am Lidl-Supermarkt mitten in Prien ein brutaler Messermord ereignet hat, bei dem ein 29-jähriger Afghane seine 38-jährige Landesfrau erstochen hatte, malte ich mir den nächsten Morgen schon aus. Ich rücke nicht zum ersten Mal zu einer Vor-Ort-Reportage nach einer Tragödie aus. Erst wenige Monate zuvor, im Februar 2017, war ich beim Doppelmord in Rott am Inn, bei dem ein 25-Jähriger zwei ältere Menschen erstochen hatte

Solche Einsätze verlangen einem Reporter alles ab - und gerade mir als Anfängerin, denn ich hatte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal die Hälfte meines Volontariates hinter mir. Das mulmige Gefühl an einem Tatort zu recherchieren, Spuren und Bilder zu deuten, Leute zu befragen und nachzuhaken, was genau geschehen ist - es gibt eindeutig schönerer Reportagen, keine Frage. "Doch auch das gehört zu deinem Job", redete ich mir mutig zu, als ich am frühen Sonntagmorgen des 30. April 2017 ins Auto stieg und mich mit starrem Blick auf den Weg nach Prien am Chiemsee machte. 

Dass ausgerechnet hier in einer idyllisch am Chiemsee gelegenen rund 10.000-Seelen-Marktgemeinde am helllichten Tag auf offener Straße sich eine derartige Tragödie abspielen kann, will mir noch nicht eingehen. Diese Erkenntnis sollte im Laufe des Tages noch kommen.

Bilder vom Tatort am Lidl-Supermarkt

Kindern trauern am Tatort um ihre ermordete Mutter 

Am Lidl-Parkplatz in der Franziska-Haager-Straße angekommen, traf ich bereits die ersten Passanten, denen das Entsetzen über die grausame Bluttat noch ins Gesicht geschrieben war. Rot-weißes Absperrband zäumte den Eingang des Supermarktes, direkt davor auf dem Gehsteig standen Kerzen und Blumen. Immer wieder hielten Bürger inne, legten Sträuße ab und hatten Tränen in den Augen. Mit einigen Augenzeugen kam ich ins Gespräch - sie standen noch sichtlich unter Schock, während sie mir grausame Details über die Bluttat schilderten, die ich mir notierte. 

Die Stimmung hier am Tatort, an dem zwölf Stunden zuvor eine Frau und junge Mutter auf eine derart brutale Art und Weise aus dem Leben gerissen wurde, war bedrückend

Trauernde Angehörige an dem Ort, an dem die grausame Bluttat geschah. 

Doch der schlimmste Moment für mich persönlich sollte noch kommen. Wie aus dem Nichts erschienen zwei kleine Kinder im Grundschulalter in Begleitung zweier junger Frauen - alle in schwarz gekleidet. Eine der Frauen begann plötzlich fürchterlich zu schreien - in einer Fremdsprache, die ich nicht verstand. Mir wurde klar, dass es sich bei den kleinen Kindern um die der ermordeten Mutter handeln musste. In diesem Moment stockte mir der Atem, es zog sich alles zusammen und mir stiegen selbst Tränen in die Augen. Mitanzusehen, wie die Kinder an dem Platz, an dem ihre Mutter ermordet wurde, in sich gekehrt saßen, war ein unfassbar trauriger Anblick, den ich kaum in Worte fassen kann. Dass die Kinder, wie ich später von der Polizei erfuhr, schwer traumatisiert waren, überraschte mich in keinster Weise.

Messermord in Prien: Blumenmeer am Tatort

Trauer am Lidl-Supermarkt - Maibaumfeierlichkeiten am Marktplatz 

Ganz Prien trägt Trauer - möchte man meinen. Doch wenige Meter weiter am Marktplatz wurde gesungen, gelacht und getanzt. Die Maibaumfeierlichkeiten standen auf dem Programm, außerdem empfing Bürgermeister Josef Seifert an diesem Sonntag Amtskollegen aus der italienischen Partnerstadt Valdagno. 

Am Priener Marktplatz wurde gefeiert. 

Freilich hatte Bürgermeister Seifert Recht mit der Entscheidung, die Feier aufgrund der Tragödie, die sich tags zuvor am Supermarkt abgespielt hat, nicht abzusagen - das Leben muss schließlich weitergehen.
Was mich aber wirklich fassungslos gemacht hat an dem Tag, an dem ohnehin so viele Eindrücke auf mich einprasselten, war die Frage einer Prienerin im Dirndl, die von mir wissen wollte, was in der Franziska-Hager-Straße geschehen sei. Als ich sie über den Mord aufklärte, riss sie erschrocken die Augen auf und sagte, sie habe die Mädchen und die Blumen zwar am Gehsteig gesehen, sei jedoch der Ansicht gewesen, diese würden die Blumen verkaufen wollen.

Ihre Aussage ließ ich lieber unkommentiert so stehen. Die Berichterstattungen über den brutalen Mord in Prien überschlugen sich und Neuigkeiten über den mutmaßlichen Täter und die Hintergründe fütterten die sozialen Medien und Nachrichtenportale. "Wie kann ich als Bürgerin einen Mord in meinem Heimatort nicht mitbekommen", fragte ich mich kopfschüttelnd. Als wäre die ganze Situation nicht schon aufwühlend genug - aber das hat mir wirklich das Kraut ausgeschüttet. 

Tat ließ Flüchtlingsdebatte wieder aufflammen 

Fünf Tage nach der Tat wurde die junge Frau beigesetzt. In der Priener Aussegnungshalle fanden sich rund 200 Trauergäste ein. Doch warum musste die junge Afghanin auf so grausame Art und Weise sterben? War es aus Eifersucht, eine Beziehungstat, oder weil sie zum Christentum konvertierte? Diese Frage ließ auch die Flüchtlingsdebatte wieder auflammen. Für das Gericht sei die Triebfeder des Mordes, so erklärte es der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung, "Wut und Verärgerung des Angeklagten über die neue Religion der Frau" gewesen. 

Nach Mord in Prien: Große Trauergemeinde bei Beerdigung 

Dass der Täter, ein 29-jähriger Afghane am Ende des Prozesses zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, nahm ich rund ein halbes Jahr später emotionslos zur Kenntnis. Es erschien mir am Ende lediglich wie ein kleines Puzzleteil bei der eigentlich fehlenden Gerechtigkeit dieser Tragödie

mb 

Quelle: rosenheim24.de

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