Film sorgt für kontroverse Diskussionen

„Joker“ steuert auf Einspiel-Rekord zu: Wer hat Angst vorm kranken Mann?

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Der Film erzählt in extremer psychologischer Dichte die Geschichte eines wirklich mitleiderregenden Versagers, der langsam aber unaufhaltsam unter äußerem und innerem Druck zusammenbricht.

Batmans wohl größter Widersacher ist so alt wie der Mann im Fledermauskostüm und besitzt zahlreiche Facetten. Im Film Joker kommt eine hinzu: die eines Mannes, der sich enttäuscht gegen die Gesellschaft wendet. Der Film ist erfolgreich und kontrovers zugleich.

Update vom 21. Oktober: Joaquin Phoenix`"Joker" ist auf dem besten Weg, der bislang erfolgreiches Kinofilm zu werden, der in Amerika ein „R-Rating“ erhalten hat und damit als nicht jugendfrei eingestuft wurde. Noch hält diesen Rekord der Film "Deadpool" mit Ryan Reynolds, der 2016 rund 783 Millionen US-Dollar an den weltweiten Kinokassen einspielte.

Knackt der "Joker" den Rekord?

"Joker" wiederum liegt mittlerweile bei einem Einspielergebnis von etwa 737,5 Millionen US-Dollar. Prognosen zufolge, die d eadline.co m veröffentlicht hat, könnte "Joker" von Regisseur Todd Phillips weltweit allein durch Ticket-Einnahmen rund 900 Millionen US-Dollar generieren. 

Das US-amerikanische "R-Rating" wird von vielen Filmstudios gemieden, da es Zuschauer unter 17 Jahren den Zutritt ins Kino verbietet. Dadurch würden Studios viele Einspiel-Millionen entgehen, mitunter werden Filme sogar nach Abschluss der Produktion angepasst, um diese Freigabe-Stufe zu vermeiden. Unter anderem wird in solchen Fällen die Darstellung von Gewalt verringert. In Deutschland ist "Joker" mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle, der einige explizite Gewaltszenen enthält, ab 16 Jahren freigegeben.

"Joker" legt in Deutschland Traumstart hin

Update vom 14. Oktober 2019: Der Joker hat die Kinos im Sturm erobert. In Deutschland legte der Film mit Joaquin Phoenix einen Traumstart hin - nachdem er zuvor weltweit für Furore unter Kritikern und Zuschauen gesorgt hatte. Die Comic-Adaption von Todd Phillips spielte bereits am Mittwoch bei den Preview-Vorstellungen rund 900.000 Euro Umsatz ein und erreichte 100.000 Besucher. Am ersten Wochenende kamen sogar 835.000 Zuschauer - knapp acht Millionen Euro wurden in 664 deutschen Kinos eingespielt, berichtet Blickpunkt:Film. Rund 950.000 Kinogänger und neun Millionen Euro bedeuten demnach den drittbesten Kinostart des Jahres in Deutschland.

Geschockter Joker-Zuschauer verlässt Kino vorzeitig

Während mancher Besucher von " Joker" gelangweilt ist, löste er bei anderen offenbar auch Angstzustände aus. Bei Twitter äußerte eine Kinogängerin aus Malaysia, der Film müsse mit einer Warnung an alle versehen werden, die unter Depressionen oder anderen psychischen Krankheiten leiden.

Ein anderer Twitter-User hatte den Film nicht zu Ende schauen können und hatte das Kino vorzeitig geschockt verlassen. Auf Nachfrage konkretisierte er seine Gründe auf der Kurznachrichten-Plattform. Joaquin Phoenix habe eine erstaunliche Arbeit geleistet, aber er sei von dem psychisch kranken, gemobbten Einzelgänger überwältigt gewesen, der Rache an der Gesellschaft nimmt, die ihn nie akzeptiert hat. Er habe kein Mitgefühl empfunden. Bei allem, was derzeit in der Welt geschehe, habe er den Film nicht länger ausgehalten.

Auch mehrere Kritiker, unter anderem bei fr.de* urteilen über den Film, der in Venedig mit einem Goldenen Löwen prämiert wurde, er löse eine große, allgemeine Verunsicherung aus - also genau das, was auch der " Joker" im Sinn hat.

„Joker“ in der Kino-Kritik

Artikel vom 7. Oktober 2019 v on Jan-Paul Koopmann: Es stimmt schon, was seit dem US-Filmstart durchs Internet geistert: „Joker“ ist keine leichte Kost. Und das liegt zwar auch, aber längst nicht nur an den ausdrücklichen Gewaltdarstellungen.

Viel schlimmer ist, dass man so viel wiedererkennt: von depressiven Menschen, von nicht immer ganz unberechtigter Wut auf die schlechte Welt – und vielleicht sogar von sich selbst an schlechten Tagen.

Joaquin Phoenix spielt diesen Joker mit Entschlossenheit mehrdeutig: mal schlägt er sich als ausgebeuteter Kleinverdiener mit dem Chef herum, präsentiert sich dann mit gespenstischer Treffsicherheit als Psychopath – und lässt dabei immer wieder die Kunstfigur aufblitzen: Joker, den Batman-Gegner und das grinsendes Ungeheuer, welches im deutschen Comic etwas ungelenk „Clownprinz des Verbrechens“ heißt. Todd Phillips' Film erzählt nun die Vorgeschichte, die „Origin-Story“, des Comicschurken - wie aus dem Verlierer und Mietclown Arthur Fleck der Joker wird.

Obwohl es dabei permanent um Witze geht, ist an diesem Film so gar nichts lustig. Nichts ironisch gebrochen, es gibt noch nicht mal Pointen. Stattdessen erzählt der Film in extremer psychologischer Dichte die Geschichte eines wirklich mitleiderregenden Versagers, der langsam aber unaufhaltsam unter äußerem und innerem Druck zusammenbricht. Es ist schon auffällig, dass immer wieder Vergleiche zu Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976), oder manchmal auch Joel Schumachers „Falling Down“ (1993) fallen – hingegen fast gar nicht die Rede von den anderen Filmen des Batman-Franchise ist.

„Joker“ im Kino: Ein Film, der erst einmal ein Film ist

Tatsächlich bleiben die Bezüge dorthin auch außerordentlich dünn: zwar heißt der superreiche Großkapitalist nicht einfach so Thomas Wayne, sondern ist tatsächlich auch der Papa vom späteren Batman. Auch der kleine Bruce selbst kommt kurz vor, ohne aber so richtig wichtig zu werden. Es hätte dem Film auch nicht geschadet, wenn sie wegblieben.

Es ist jedenfalls höchst erfreulich, dass DC Comics und Warner Bros. sich mit ihrem Filmuniversum vom Konzept der endlosen Serie à la Marvel verabschiedet haben und hier einen Film präsentieren, der vor allem anderen erst einmal ein Film ist.

Allerdings einer, der bereits vor seinem Start Unruhe stiftet. Angehörige der Opfer des Amoklaufs von Aurora hatten gewarnt. In 2012 hatte ein mutmaßlich psychisch Erkrankter bei der Premiere des Batman-Films „Dark Knight Rises“ zwölf Menschen erschossen und 58 weitere zum Teil schwer verletzt. Die Hinterbliebenen kritisierten nun in einem offenen Brief nun die Gewaltdarstellungen im neuen Film. Die Betonung Warner Bros., der Joker sei kein Held, trifft die Sache nur zum Teil. Tatsächlich bringt die Geschichte sehr viel Verständnis für ihren Bösewicht auf, provoziert mitunter sogar zum Mitfiebern.

Joaquin Phoenix liefert im Kino als „Joker“ ab

Dazu kommt die tatsächlich soghafte Atmosphäre des Films, dank wunderschön komponierter Bilder und der von Joaquin Phoenix' ausdrucksstark performten Choreografie: Die den Joker in endlosen Einstellungen tanzen und leiden lässt. Ja, das ist von zeitloser Schönheit – und ja, das kann einen gerade darum auch wirklich sehr unruhig machen. Zumal dieses Amalgam aus Al-Capone-Chicago und Müllstreik-New-York auch ganz offenkundig allgemein für eine durch und durch bankrotte Gesellschaft steht. Die Denunziation jedenfalls zieht – auch wenn sich der Film bei der Schuldfrage nicht so ganz festlegen mag.

Dass Kritik und Affirmation hier zwischendurch wüst durcheinander poltern, ist nicht ganz ungewöhnlich für das moderne Blockbuster-Kino und sein Erfolgsrezept aus Unterhaltung, embedded criticism und Insiderwissen für die Nerds. Das ist auch bei künstlerischer Vollendung Massenware, die natürlich möglichst viele Lesarten offen hält, um der zahlenden Kundschaft nicht auf die Füße zu treten. Die bisherigen Einspielspielergebnisse nach dem US-Start sprechen ja auch sehr dafür, dass die Kalkulation aufgegangen ist.

„Joker“ ist kein Film für den Actionfan

Interessanterweise kommt bei diesem Rechenspiel der Actionfan diesmal am schlechtesten weg. Und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem sich auch so entspannt spoilerfrei über den Film schreiben lässt: es passiert einfach wirklich nicht so ganz viel. Eigentlich ist da nur dieser Mann, dem es nicht gut geht, und dem leider wirklich niemand helfen kann. Die erste Verwunderung jedenfalls, dass eine Comicverfilmung bei den Internationalen Filmfestspiele von Venedig den Hauptpreis einkassiert, verpufft jedenfalls ziemlich restlos angesichts der filmischen Qualitäten.

Man kann (und sollte beizeiten auch) darüber streiten, dass im Batman-Universum praktisch alle Bösewichte psychisch Kranke sind, die vor ihren Übeltaten erstmal aus der Psychiatrie ausbrechen. Statt aber die alte Leier „krank gleich böse“ aufzuspielen erzählt „Joker“ umgekehrt mit sehr viel Feingefühl von Menschen in akuten Krisenzuständen. Anders als Heath Ledger in der Dark-Knight-Trilogie hat dieser Joker keinen Masterplan. Jedenfalls keinen, den er auch durchziehen würde.

„Joker“: das unterbezahlte Durchhalten

Wenn der Film also eine Botschaft haben sollte, dann wohl diese: Man wird zum Bösen nicht geboren, aber es ist auch nicht allein die Gesellschaft an allem schuld. Das klingt zwar nach Larifari, ist tatsächlich aber doch sehr viel mehr als der öffentliche Diskurs sonst so vollbringen. Der Zynismus hinter dem unterbezahlten Durchhalten wird jedenfalls überdeutlich: Da ist Joker, der als fröhlicher Werbeartist von Jugendlichen zusammengetreten wird, Joker der seine kranke Mutter pflegt und Joker, der als Mietclown im Kinderkrankenhaus für gute Stimmung sorgen soll: „If you’re happy and you know it, clap your hands!“ singt er vor den todkranken Kindern. Klatschen tun sie alle – und happy ist keiner.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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