„Gefährlicher Inhalt“ in „13 Reasons Why“?

Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“: Zweite Staffel trotz Warnungen

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Hannah Bakers Ruf ist ruiniert. Immer mehr Mitschüler wenden sich von ihr ab.

Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“ („Tote Mädchen lügen nicht“) feiert einen Mega-Erfolg. Doch in Amerika, und nicht nur dort, wird über die Geschichte der Selbstmörderin Hannah Baker gestritten. Trotzdem gibt es eine zweite Staffel.

Netflix schweigt über Zuschauerzahlen. Man braucht aber keinen Exklusiv-Zutritt in die Statistik des Streamingdienstes, um zu wissen, dass die neue Originalserie „Tote Mädchen lügen nicht“ mega erfolgreich ist. Gemessen an der Anzahl der Tweets ist „13 Reasons Why“, wie die Serie im Original heißt, die erfolgreichste Serie des Jahres, schreibt „Werben & Verkaufen“ (W&V). Elf Millionen Tweets (Stand Ende April 2017) sollen Fans und Kritiker seit dem Start der Serie verbreitet haben. Auch die Schauspieler haben nachweislich sehr viel mehr Follower auf Twitter gesammelt. Auf Google suchten die Fans schon nach Berichten über eine zweite Staffel. Eigentlich ist die Serie zu Ende erzählt, es würde nicht zwingend eine Fortsetzung brauchen. Die Hauptfigur Hannah Baker ist tot, sie hat Selbstmord begangen. Und obwohl viele Zuschauer und Experten die Serie genau deshalb als drastisch empfinden, kündigt Netflix nun eine zweite Staffel an. 

Darüber wurde seit ein paar Wochen spekuliert. Der Streamingdienst Netflix hat jetzt einen Trailer veröffentlicht und damit letzte Zweifel beseitigt. Hannah Baker kündigt den Zuschauern an, ihnen in Staffel zwei die Geschichte ihres Lebens zu erzählen - und warum sie es beendete. 

Warum gibt es Warnungen vor der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“? 

Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Bestseller, der die dramatische Geschichte von Highschool-Schülerin Hannah Baker erzählt: Hannah wird gemobbt, ihr Ruf ist ruiniert und sie wird sich umbringen. Die 13 Gründe dafür hat sie „oldschool“ auf Kassetten aufgenommen, die sie ihren 13 Mitschülern hinterlässt. Den Selbstmord zeigen die Produzenten in der letzten Episode so realistisch, dass sie manche Zuschauer und Experten entsetzt. Inzwischen warnt Neuseeland, ein Land mit einer hohen Selbstmordrate, vor der Serie. Wie mehrere Medien berichten, dürften Jugendliche „Tote Mädchen lügen nicht“ nur zusammen mit Erwachsenen schauen. Der Grund: Die Behörden haben Sorge, junge Menschen könnten sich Hannah Baker zum Vorbild nehmen und sich umbringen.

„Headspace“, eine australische Gesundheitsorganisation, warnt online vor dem „gefährlichen Inhalt“ in „13 Reasons Why“. Die Serie konfrontiere die Zuschauer mit einer detaillierten Suizid-Szene. „Headspace“ befürchtet Nachahmungeffekte, beruft sich dabei auf internationale Forschungsergebnisse. Diese hätten verdeutlicht, dass das Risiko für Selbstmord steige, wenn Menschen diesen Eindrücken ausgesetzt seien. Eine weitere Organisation, „Save“, die sich für die Selbstmord-Prävention stark macht, hat eine Anleitung veröffentlicht, wie Zuschauer die Netflix-Serie schauen sollten. Einer dieser Ratschläge lautet: „Suizid ist nie eine heldenhafte oder romantische Handlung. Hannahs Suizid ist erfunden und soll eine warnende Geschichte sein, nicht heroisch erscheinen und sollte als eine Tragödie gesehen werden.“

Experte der Rhein-Jura-Klinik: „Suizide können also ansteckend wirken“

Katherine Langford spielt Hannah Baker. 

Professor Mathias Berger, Wissenschaftlicher Beirat an der Rhein-Jura Klinik, kommenitert die Aufregung um die Netflix-Originalserie so: „"Seit der Veröffentlichung von Goethes Briefroman 'Die Leiden des jungen Werther' im Jahr 1774 ist uns der Nachahmungs-Effekt bei Suizid bekannt: viele junge Männer eiferten dem Protagonisten nach und erschossen sich mit einer Pistole - identisch gekleidet wie die Romanfigur. Seitdem wurde dasselbe Nachahmungsphänomen immer wieder beobachtet. Suizide können also ansteckend wirken. Deshalb überrascht es mich, dass eine Serie wie 'Tote Mädchen lügen nicht' in dieser unverblümten Art ausgestrahlt wird.“ Auch Christian Klesse, leitender Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut an der Rhein-Jura Klinik, zweifelt die Botschaft, die das Netflix-Team verbreiten will, an: „Ob eine 13-teilige Serie notwendig ist (eine weitere Staffel ist ja auch noch geplant), um Suizidalität, ihre Bedingungen und ihre Folgen präventiv zu reflektieren, würde ich mal dahinstellen.“

Sogar ein Star aus anderer Netflix-Serie warnt Zuschauer vor „13 Reasons Why“

Schauspielerin Shannon Purser, die Barb in der sehr erfolgreichen Netflix-Originalserie „Stranger Things“ darstellt, rät Zuschauern, die Selbstmordgedanken haben oder sexuell missbraucht wurden, keinesfalls „13 Reasons Why“ zu schauen. Auf Twitter verbreitet sie seit einigen Tagen Warnungen und diskutiert mit ihren Followern:

Auch die Tochter von Michael Jackson, Paris Jackson, meldet sich zu Wort. Allerdings auf Instagram. Dort postet sie, gefährdete Zuschauer sollten die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ nicht schauen

So rechtfertigen die Serienmacher die drastischen Szenen in „Tote Mädchen lügen nicht“

Es schmerzt Clay, die Kassetten seiner toten Mitschülerin Hannah Baker zu hören. 

Netflix hat sicher geahnt, Zuschauer und Experten mit der sehr realistischen Selbstmord-Szene aufzuregen. Denn parallel zur Serie hat der Streamingdienst eine Dokumentation über „Tote Mädchen lügen nicht“ hochgeladen. Darin sprechen der Buchautor, die Produzenten, Hauptdarsteller und Psychologen über die Entscheidung, „13 Reasons Why“ genau so und nicht anders zu zeigen. Jay Asher, der das Jugendbuch „13 Reasons Why“ geschrieben hat, sagt: „Selbstmord ist ein unangenehmes Gesprächsthema. Aber es passiert, also muss man darüber reden. Es ist gefährlich, nicht darüber zu reden, weil es immer Raum für Hoffnung gibt.“ Einer vom Produzententeam, zu dem auch Selena Gomez gehört, sagt: „Es gab Leute, die uns gefragt haben, warum sich Hannah so umgebracht hat und warum wir es gezeigt haben. Es war uns wichtig, nichts Willkürliches zu tun. Wir wollten, dass es schmerzhaft anzuschauen ist, damit man weiß, dass Selbstmord niemals eine Lösung ist.“

Der Autor Jay Asher stellt klar, Hannah Baker sei keine Heldin - und widerspricht damit indirekt dem Vorwurf der Organisation „Save“. „Hannah hätte mehr tun können.“ Sie hätte die Leute weggestoßen und ihrem Vertrauenslehrer zu wenige Anhaltspunkte gegeben. „Das hätte sie tun sollen. Sie war nicht perfekt.“ Hannah Baker (überragend gespielt von Katherine Langford) hätte am Ende die Stärke gefehlt zu sagen, was wirklich passiert ist, was ihr wirklich zugestoßen ist.

Kate Walsh: Mit Selbstmord-Szene „Menschen ehren, die so etwas wirklich durchleben mussten“

Kate Walsh spielt in der Netflix-Serie Hannah Bakers Mutter. 

Kate Walsh (berühmt aus der Krankenhaus-Serie „Grey‘s Anatomy“) spielt in „Tote Mädchen lügen nicht“ Hannah Bakers Mutter. Für sie war die Selbstmord-Szene „der Höhepunkt der Serie, an dem man die Menschen ehren will, die so etwas wirklich durchleben mussten. Man möchte ihnen Tribut zollen und es realistisch darstellen“. Und die Psychologin Dr. Helen Hsu kommentiert: „Es muss gezeigt werden, dass es kein schöner, kein einfacher Tod ist.“

Und die Serie sei auch als Augenöffner für Eltern von Teenagern gedacht. „Cybermobbing hört nicht auf, wenn die Schule aus ist“, sagt die Psychiaterin Dr. Hu Rona von der Stanford University. Die Serie zeige etwas Unvorstellbares für Erwachsene, die so etwas im Teenager-Alter nie erlebt haben. „Erwachsenen ist nicht klar, wie verletzend Cybermobbing ist.“

Achten Sie in der Serie auf Alex Standall (Miles Heizer). 

Der Regisseur Tom McCarthy (er führte zum Beispiel bei „Spotlight“ Regie) sagt: „Während des Prozesses dachte jeder an seine Erfahrungen in der Highschool zurück. Dinge, die wir falsch oder richtig gemacht haben. Da gab es Momente wie ‚Dieser eine Typ. Ich habe das getan. Ich hätte was sagen sollen.‘ Ich hoffe, dass Diskussionen entstehen, wenn die Serie läuft, nicht nur unter Freunden in Schulen, sondern auch unter Eltern.“ 

Und Selena Gomez untermauert dies mit dem Satz: „Wir wollten etwas tun, was Menschen helfen kann.“

Netflix hat Anfang Mai auf das negative Feedback reagiert. Laut Elite Daily will der Streamingdienst Warnungen vor jede Episode von „Tote Mädchen lügen nicht“ schalten - zusätzlich zu den Warnungen, die ohnehin bei bestimmten Folgen eingeblendet wurden.   

Das sagt ein Professor für Psychiatrie und Psychotherapie aus NRW über „Tote Mädchen lügen nicht“

Karl-H. Beine, Chefarzt im Marienhospital Hamm (Nordrhein-Westfalen) und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, hat mit unserer Partnerseite WA.de über die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ gesprochen. Er sieht in darin ein gut geeignetes, drastisches Unterrichtsmaterial. „Man muss darüber reden, jedoch auf eine andere Art und Weise. Es ist eine verzweifelte Tat eines verzweifelten Menschen, der das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr sieht. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, das das Licht am Ende des Tunnels nie dunkel wird“, sagt Beine. Eltern rät er Folgendes: „Eltern, deren Kinder die Serie sehen wollen rät der Experte: „Sie sollten sie mit ihren Kindern zusammen ansehen. Sich über das Gesehene austauschen, Fragen beantworten. Auf keinen Fall sollten die Kinder damit allein gelassen werden.“

Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ bekommt von Zuschauern Bestnoten 

Die Netflix-Originalserie hat von den Streaming-Abonnenten fünf von fünf Sternen bekommen. Auf IMDB hat die Serie 9,0 von 10. Zum Vergleich: „House of Cards“ hat ebenfalls 9,0, „Narcos“ 8,9 und „Game of Thrones“ 9,5.

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Video-Trailer zu Staffel eins von „Tote Mädchen lügen nicht“ („13 Reasons Why“)

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depression leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für München und Oberbayern unter 0180-6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.

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