TV-Kritik

Tatort „Maleficius“ in der ARD: Die Aufgemotzten

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Johanna Stern und ihre neuen Freunde.

Von Menschen und Autos erzählt der Odenthal-Tatort „Maleficius“, aber er findet nicht den Ton dafür.

Großes kündigt sich an und kommt dann nicht. Das ist besonders bitter. „Maleficius“ aus Ludwigshafen schneidet zuerst eine Combo verheißungsvoller Sequenzen aneinander, darunter ein mysteriöser Tatort („Hier stimmt etwas nicht“, zweifellos). Dazu eine mysteriöse OP aus einer Zukunft, die ohne weiteres jetzt sein kann. Dazu ein Pfarrer, der erschüttert ein Vaterunser betet. Pfarrer, die erschüttert ein Vaterunser beten, sieht man heute vornehmlich in alten „Barnabys“. Sie zeigen uns die Fallhöhe zwischen dem Guten und dem Bösen, und das Gute ist gottgefällig und schon lange da, aber auf das Böse ist ebenfalls seit geraumer Zeit Verlass. Jetzt allerdings, verheißt uns die Inbrunst des selbstverständlich im Kerzenschein betenden Geistlichen – hier noch dazu: Heinz Hoenig –, wird es gewiss wieder in einer neuen, besonders üblen Version auftreten. Was, Jesses, mag es diesmal sein? 

Allem Augenschein nach befindet sich in seinem Zentrum der ehemalige Bodensee-Tatort-Ermittler Sebastian Bezzel, dem es gut gelungen ist, den Perlmann abzulegen. Erst nach einer Weile denkt man: Das ist ja der Perlmann, was macht der Perlmann da? Hier zeigt er aber ziemlich überzeugend einen schlaff wirkenden, unter der Schlaffheit aber rigorosen Wissenschaftler und Hirnforscher in finsterer Mission. Man sieht ihn selbst nie wirklich bei der Arbeit, seine Genialität beschränkt sich für das Publikum auf eine schludrige Rasur und einen hohen Bedarf an koffeinhaltigen Limonadegetränken. Finstere Missionen inspirieren die Innenarchitekten von Wissenschaftlern dazu, ihre Laboratorien extremistisch schneeweiß auszustatten. Neben dem eingangs dezent tropfenden Blut darf diesmal nur ein Automat mit der Alternativ-Cola einen Farbtupfer setzen. Überhaupt ist in „Maleficius“ das gesunde, sogar das auf Ewigkeit ausgehende Leben ein Gebot der Stunde, und es geht nicht um die Ewigkeit, die der Herr Pfarrer meint. 

Es stimmt aber eben nicht, dass man sich gleich darüber lustig machen will. Es wäre vielmehr naheliegend, sich interessiert auf eine solche Geschichte einzulassen. „Maleficius“ wurde geschrieben und inszeniert von Tom Bohn, der schon sehr überzeugende Odenthal-Folgen hergestellt hat, darunter „Vom Himmel hoch“ im vergangenen Dezember. 

Seltsam: Während dort alles aus einem Guss schien, als wäre es eben doch ein Vorteil, wenn das Gesamtprojekt eines Tatorts zumindest auf dem Papier von einem Menschen verantwortet wird, leidet der Sonntagabendkrimi diesmal vor allem unter zweierlei: Dass er den Ton nicht findet, in dem er seine Geschichte erzählen will, und – damit verbunden – dass er gar kein Verhältnis findet zu den irrwitzigen Klischees, die er am laufenden Band präsentiert. Wenn es ihm nämlich ernst damit ist, ist das unheimlich banal. Wenn es ihm nicht ernst damit ist, hätte man vielleicht doch gerne etwas mehr gelacht. Wenn er beides in der Schwebe halten wollte, wogegen nichts einzuwenden wäre, bliebe trotzdem das Problem, dass man sich weder kaputtlacht noch fürchtet. 

„Tatort: Maleficius“, ARD, Sonntag, 8.9.2019, 20.15 Uhr

Die existenziellen Fragen, die „Maleficius“ doch im großen Stil stellt – hier der Pfarrer, da der Professor, in der Mitte die drahtigen, gesunden Kommissarinnen, die einen Apfel essen –, werden mit Binsenwahrheiten beantwortet. Professors Versuche mit Hirn-Chips – die es ja gibt – dienen lediglich der Spannungssteigerung. Irgendwie wartet man die ganze Zeit über auf ein Monster (manchmal hört man es schon, echt). Außerdem darauf, dass der Schurke auch die Kommissarinnen unter sein krassomatisches Instrument legen will. Die tragischen Figuren hingegen bekommen keinen Zentimeter Raum. „Autsch“, sagt die junge Johanna Stern, als sie Fotos eines Unfallautos anschaut, und gibt damit ihr Reflexionsniveau zu Protokoll, aber auch das von „Maleficius“.

Lustig hingegen ist ihr Verhältnis zu Auto-Tunern – hochgerüstete Autos, hochgerüstete Menschen! – um den schmierigen, aber nett schmierigen Gregor Bloéb und den offenbar bekannten Bodybuilder Tim Ricke, der bisher kein Schauspieler ist und auch nicht so tut. Der Autor hat ihn Wolfi genannt. Wolfi ist stark, das kann nützlich sein. Hier nähert sich „Maleficius“ zwar einer Klamotte, aber das hat auch etwas Ehrliches. Zumindest wenn man bereit ist, über die lebensgefährliche Primitivität von illegalen Autorennen für einen Moment hinwegzusehen. 

Es ist ferner verdächtig, wenn die Ermittelnden zwischendurch und am Ende – hier Lena Odenthal, Ulrike Folkerts – gewichtige Erklärpakete abliefern müssen, um zusammenzufassen oder überhaupt darzustellen, was wir kriminalistisch soeben gesehen haben sollten. 

Stoisch haben sich die Ermittlerinnen hindurchgearbeitet, aber in dieser Kunstwelt und diesem Kunsttatort bleiben sogar sie unwillentlich Kunstfiguren. Vielleicht blickt man darum so wohlwollend auf Wolfi.

Von Judith von Sternburg

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