Neurologe befreite Belgier aus innerem Gefängnis

Fehldiagnose: Komapatient war 23 Jahre bei Bewusstsein

Frankfurt/Main - Ein Belgier ist einem Bericht zufolge nach einem Autounfall mehr als zwei Jahrzehnte als Wachkoma-Patient behandelt worden, obwohl er bei Bewusstsein war.

 “Ich habe geschrien, aber es war nichts zu hören“, erklärte Rom Houben, der mittlerweile wieder auf einer Bildschirmtastatur schreiben kann, dem “Spiegel“ zu seinem Zustand nach dem Unfall. Und zum die Hälfte seines bisherigen Lebens währenden Martyrium sagt der heute 46-Jährige: “Ich habe meditiert, ich habe mich weggeträumt.“

Der Querschnittsgelähmte, dessen dramatische Fehldiagnose 2006 von dem belgischen Neurologen Steven Laureys festgestellt wurde, trat 2007 in dem Dokumentarfilm “To walk again“ des Regisseurs Stijn Coninx auf. Der Film dreht sich um den Triathleten Marc Herremans, der seit einem Radunfall im Jahr 2002 querschnittsgelähmt ist, und dennoch seinen Sport weiter betreibt.

Kein Einzelschicksal

Houbens Schicksal ist offenbar kein Einzelfall. Einer Studie von Laureys zufolge würden etwa 40 Prozent aller Wachkoma-Patienten fälschlich als hoffnungslos eingestuft, berichtet das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel“ in seiner neuen Ausgabe. “Wer einmal den Stempel 'ohne Bewusstsein' trägt, wird ihn nur sehr schwer wieder los“, sagte Laureys. “Jeder Patient sollte mindestens zehnmal geprüft werden, bevor man ihn endgültig als vegetativ einstuft.“ Der Leiter des Zentrums für Komaforschung an der Universität Lüttich befreite Houben mit Hilfe einer Computertomographie aus seiner inneren Isolation. “Als Laureys den Mann aus Zolder in die Tomografenröhre schob, leuchteten weite Hirnareale auf dem Monitor auf. Das Großhirn mit seinen grauen Zellen war offenbar nur wenig geschädigt in der scheinbar leeren Körperhülle fand sich ein fast unversehrtes Ich“, schrieb das Blatt. Houben erklärte: “Nie vergesse ich den Tag, an dem sie mich entdeckten, meine zweite Geburt.“

23 Jahre Einsamkeit

Die 23 Jahre Einsamkeit im Gefängnis seines Körpers überlebte Houben, laut “Spiegel“, “indem er lernte, von dem wenigen zu leben, das seinen Sinnen noch zugänglich war. Er studierte das Geschehen in seinem Pflegeheim so akribisch, als wäre es ein winziges Stück Welttheater: die skurrilen Eigenheiten seiner Mitpatienten im Gemeinschaftsraum, die Auftritte der Ärzte in seinem Zimmer, den Tratsch der Pflegerinnen, die sich vor dem vermeintlich Erloschenen in keiner Weise genierten.“ Houben berichtete: “Das hat mich zu einem Experten für menschliche Beziehungen gemacht. Ausflüge mit den Eltern seien damals “die Abenteuer seines Lebens“ gewesen, schrieb das Nachrichtenmagazin. “An schlechten Tagen behalf er sich mit seinem antrainierten Geschick, den Körper zu verlassen und als der reine Geist, als der er sich zunehmend fühlte, in die Vergangenheit oder ein besseres Dasein zu reisen.“

ap

Rubriklistenbild: © dpa

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