„Schuhwerfer von Bagdad“ wurde misshandelt 

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Muntasser al-Saidi warf vor neun Monaten während einer Pressekonferenz einen Schuh auf den damaligen US-Präsident George W. Bush.

Bagdad - Viele Witze kursieren über den „Schuhwerfer von Bagdad“. Doch Al-Saidi selbst ist kein Spaßvogel. Der Mann, der einen Schuh auf George W. Bush warf, wurde heute freigelassen und berichtet von Folter während seiner Haft.

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“Oh Schuhe, oh linker, oh rechter, oh Al- Saidi, gesegnet seien deine Hände“, schmalzt der jordanische Sänger Meteb al-Sakkar ins Mikrofon. Dazu läuft ein albernes Video, das abwechselnd Affen und arabische Beduinen beim Volkstanz zeigt. Dutzende von Schuhwerfer-Witzen kursieren weltweit, seitdem der irakische Journalist Muntasser al-Saidi vor neun Monaten seine großen, schweren Lederschuhe nach dem mächtigsten Mann der Welt warf. Doch Al-Saidi selbst ist kein Spaßvogel. Er wollte sich mit seiner Wurfattacke auf George W. Bush nicht über den US-Präsidenten lustig machen, sondern Rache üben für die Gewalt und das Elend, das er als Journalist täglich ansehen musste. Er wurde bei seiner Festnahme misshandelt, und er hat neun Monate im Gefängnis gesessen. Einer seiner Schneidezähne ist zersplittert.

Sehen Sie hier das Video mit dem „Schuhwerfer von Bagdad“

Ernst und ein wenig nervös tritt er nach seiner Freilassung vor die vielen Mikrofone, die seine Kollegen in den Räumlichkeiten des Fernsehsenders aufgebaut haben, damit er dort eine Rede halten kann. Für viele von ihnen ist er ein Volksheld. Sie bewundern ihn und glauben, dass er mehr für die Ehre des Irak getan hat, als jeder irakische Abgeordnete oder Minister. “Heute ist ein großartiger Tag in der Geschichte des Irak, weil Al-Saidis zu seiner Familie zurückgekehrt ist“, freut sich der irakische Journalist Talib Saadun.

Dass Al-Saidi sagt, er sei in der Haft mit Elektroschocks gefoltert worden, mag für seine Fans in aller Welt schockierend sein. Im Irak, wo politische Verfolgung, Polizeiwillkür, Krieg und Terror in den vergangenen Jahrzehnten den Alltag bestimmt haben, überrascht seine Anschuldigung niemand. Die Mitglieder vieler einst verbotener Parteien, die heute in Bagdad die Geschicke des Landes bestimmen, wurden unter dem früheren Diktator Saddam Hussein, wenn sie als Oppositionelle enttarnt wurden, routinemäßig gefoltert. Seit dem Sturz des Regimes misshandeln Ermittler und Gefängniswärter mutmaßliche Aufständische und Terroristen in irakischen Gefängnissen. Unvergessen ist im Irak auch der Skandal im Gefängnis von Abu Ghoreib, in dem US-Militärpolizei irakische Gefangene gefoltert, sexuell misshandelt und erniedrigt haben.

Von Anne-Beatrice Clasmann (dpa)

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