Der letzte Tag des „Snipers“

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Der „Sniper“ wird mit einer Giftspritze hingerichtet.

Washington - Als „Sniper“ von Washington erschoss John Allen Muhammad zehn Menschen – indem er einfach wahllos auf sie feuerte. Heute soll er hingerichtet werden.

Die Hausfrau Lori Rivera traf eine Kugel in den Kopf, als sie an der Tankstelle ihr Auto reinigte. Auch Dean Meyers, ein Vietnam- Veteran, starb an einer Tankstelle – durch einen gezielten Schuss, den der Täter fröhlich als „tollen Treffer“ feierte. Andere verloren ihr Leben bei ganz alltäglichen Tätigkeiten: beim Verlassen des Supermarktes, beim Golfspiel. Sie alle ahnten nichts Böses. Vor sieben Jahren versetzte der „Sniper“ – John Allen Muhammad – zusammen mit seinem damals erst 17 Jahre altern Komplizen Lee Boyd Malvo ganz Washington in Angst.

Die letzten Worte aus der Todeszelle

Letzte Worte aus der Todeszelle

23 Tage waren der „Heckenschütze“ und sein junger Begleiter unterwegs, schossen wild um sich. Zehntausende wagten sich damals nicht auf die Straße – aus Furcht, das nächste Opfer zu werden. Und wer das Haus dann doch verließ, rannte oft im Zickzack oder kniete beim Tanken nieder. Denn die Vorgehensweise des Duos war immer gleich: durch die Straßen fahren, willkürlich „Zielobjekte“ suchen – und auf diese mit einem Präzisionsgewehr vom eigens dafür präparierten Kofferraum eines alten klapprigen Chevrolet aus feuern. 16 Anschläge mit zehn Toten haben die Ermittler den beiden zuordnen können, sieben weitere Morde sollen sie ebenfalls begangen haben. Doch ein Geständnis für diese Taten fehlt immer noch.

Abschließende Gerechtigkeit

Lee Boyd Malvo, der jüngere Komplize von „Sniper“  muss lebenslang im Gefängnis sitzen.

Nun soll es abschließende Gerechtigkeit geben. Denn wenn nicht in letzter Minute der Gouverneur von Virginia Gnade walten lässt oder der Oberste Gerichtshof einen Stopp verfügt, wird John Muhammad – die treibende Kraft für die Morde und ein von der Armee ausgebildeter Scharfschütze – heute in der Todeskammer der Haftanstalt Greenville durch die Giftspritze hingerichtet. Malvo verbüßt derweil eine lebenslange Freiheitsstrafe. Der Attentäter sei in seinem Verfahren nur unzureichend verteidigt worden, argumentieren die Anwälte Muhammads, einem zum Islam konvertierten Farbigen, der seine Opfer als „Ungläubige“ bezeichnete – in einem Schriftsatz.

Auch sei der Täter durch seinen Armee-Einsatz im ersten Golfkrieg mental beeinträchtigt. Doch ansonsten halten sich die Proteste gegen die beabsichtigte Exekution in Grenzen. Keine namhafte ausländische Organisation setzt sich für den „Sniper“ ein, und auch innerhalb der USA ist es leise geblieben. Im Zuschauerraum werden vor allem Familienmitglieder der Getöteten Platz finden, andere Angehörige wollen vor dem Tor der Haftanstalt auf den Augenblick warten, an dem Muhammads Tod festgestellt wird. Für Nelson Rivera, derseine Frau an der Tankstelle verlor, soll die Hinrichtung ein Moment der Genugtuung werden: Er wird versuchen, dem Mörder in die Augen zu sehen: „Das wird das letzte Kapitel dieses Buches sein.

Ich will seinen Gesichtsausdruck wahrnehmen, wenn er dem Tod ins Auge blickt“, sagte Rivera zu Reportern. Angesichts der hohen Zahl an Opfern haben die Behörden die Zahl der Hinrichtungszeugen auf zwei Personen pro Familie begrenzen müssen. Doch manchen gehtdie Sühne nicht weit genug. „Ich würde nur Genugtuung finden, wenn auch Malvo die gerechte Strafe erhält“, sagt Charles Moore. Die gerechte Strafe: Das wäre für den 80-jährigen Moore, dessen Tochter auf dem Parkplatz eines Heimwerkermarktes erschossen wurde, ebenfalls der tödliche Chemikalien-Cocktail für den heute 24 Jahre alten Mittäter. Denn er versteht eines nicht: „Sie begehen einen Mord nach dem andern – und einer von ihnen darf weiterleben.“

Von Friedemann Diederichs

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