Erbitterter Streit in Frankreich

Urteil in letzter Sekunde: Komapatient soll weiter am Leben gehalten werden

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Vincent Lambert liegt seit Jahren in einer Art Wachkoma.

Beinahe hätte Vincent Lambert sterben müssen - oder dürfen? Die Eltern und die Behörden ringen weiter um Frankreichs berühmtesten Koma-Patienten. Was für einen Sinn hat sein Leben noch?

Update vom 21. Mai 2019: Hunger und Durst haben „nur“ einen Tag angedauert. Dann hat ein Pariser Berufungsgericht Frankreichs per Eilverfahren berühmtesten Komapatienten erlöst - oder zu weiteren Qualen verdammt. Je nach Sichtweise auf diesen Fall. Leben oder sterben, was das für Vincent Lambert bedeutet, darüber streiten seine Familie, Anwälte, Gerichte, ganz Frankreich, und das seit Jahren.

Das Berufungsgericht berief sich auf Forderungen des UN-Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die Behörden sollten nun „alle notwendigen Maßnahmen“ ergreifen, um Lambert am Leben zu erhalten, hat das Gericht angeordnet.

Komapatient: Das juristische Tauziehen um passive Sterbehilfe geht weiter

Das nationale Tauziehen um Leben und Tod geht also weiter. Auf Twitter prallen die unterschiedlichen Sichtweisen aufeinander „On a gagné“ - „Wir haben gewonnen“, kommentiert die Bewegung „Ich unterstütze Vincent“.

Eine Userin schreibt: „Ein Sieg für die Menschenwürde“

Andere wie diese Userin kritisieren, dass Lambert nun dazu gezwungen sei, sein Leid weiter zu ertragen:

Zuvor hatten sämtliche, gerichtliche Instanzen, sogar der Europäische Gerichtshof für Menschen den Ärzten recht gegeben, die es unverhältnismäßig sehen, Lambert weiter am Leben zu erhalten. Sie hatten Forderungen des UN-Ausschusses auch nicht als schlagkräftiges Argument, sondern mehr als Empfehlungen angesehen. Auch Präsident Emmanuel Macron wies die Bitte der Eltern um ein Machtwort ab.

Dieser Mann soll sterben - obwohl seine Eltern es verhindern wollen

Erstmeldung vom 18. Mai 2019: Reims - In der Uniklinik von Reims in Ostfrankreich wollen die Ärzte in der kommenden Woche die künstliche Ernährung von Vincent Lambert beenden - gegen den erbitterten Widerstand der Eltern, die für das Leben ihres Sohnes durch alle Instanzen gegangen sind. Der heute 42-Jährige liegt seit einem Motorradunfall vor gut zehn Jahren in einer Art Wachkoma.

„Ich unterstütze Vincent“: Protestaktion am Sonntag

Die Eltern des früheren Krankenpflegers wollen bis zuletzt auf die Barrikaden gehen: Unter dem Motto "Ich unterstütze Vincent" hat seine Mutter Viviane für Sonntag eine Protestaktion vor dem Krankenhaus in Reims angekündigt. "In Frankreich sollte im Jahr 2019 niemand an Hunger und Durst sterben", erklärt die 73-Jährige, die wie ihr 90-jähriger Mann Pierre streng katholisch ist.

Unterstützung bekommen die Eltern von der Kirche: Der Erzbischof von Reims, Eric de Moulins-Beaufort, rief die Behörden auf, "nicht den Weg der Euthanasie zu gehen".

Der Rechtsstreit schwelt schon seit rund sechs Jahren und hat die Eltern von Vincent Lambert bis vor die höchsten Instanzen Frankreichs und des Europarats geführt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg lehnte Ende April bereits zum zweiten Mal ihren Einspruch gegen das Vorhaben der Ärzte ab. Zuvor hatte auch der französische Staatsrat als oberstes Verwaltungsgericht im Sinn  der Mediziner entschieden.

Fall Vincent Lambert entzweit auch die Familie

Der Fall Vincent Lambert entzweit nicht nur Ärzte und Eltern, sondern auch die Familie: Lamberts Frau sowie mehrere Geschwister des Wachkoma-Patienten sind dagegen, die lebenserhaltenden Maßnahmen fortzusetzen. Die Ärzte lassen offen, wann genau in der kommenden Woche sie die künstliche Ernährung beenden wollen. Lambert dürfte dann wenige Tage später sterben.

Ob Vincent Lambert von dem Streit um sein Leben etwas mitbekommt, ist ungewiss. Er ist seit seinem Unfall querschnittsgelähmt, die Ärzte bezeichnen seinen Zustand als vegetativ. Laut einem Gutachten vom November hat er "keinen Zugang mehr zu seinem Bewusstsein".

Nach einem furchtbaren Vorfall, der im Video festgehalten wurde, ist ein Rentner gestorben.

AFP/sob

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