Die Wahrheit übers Lügen

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Das berühmteste Sinnbild für einen Lügner: Bei Pinocchio wird die Nase lang, wenn er die Unwahrheit sagt
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Regensburg - Die Uni Bayreuth wird Karl-Theodor zu Guttenberg heute als "wissenschaftlichen Lügner" abstrafen. Abschreiben ist Lügen. Wie schlimm ist Lügen? Kann man ohne Lügen leben?

Die Wahrheit ist einer unserer höchsten Werte, trotzdem haben Lügen Hochkonjunktur: Börsen-Spekulanten manipulieren die Kurse mit gezielt gestreuten Gerüchten, Politiker „entlarven“ ihre Gegner als Lügenbolde, die Ehefrau sagt dem Ehemann, die neuen Klamotten seien gar nicht so teuer gewesen ... Das Paradoxe: Der kreative Umgang mit der Wahrheit wird nicht immer geächtet oder bestraft. Bei Politikern im Speziellen wird er sogar in Maßen erwartet, sagen Lügen-Forscher.

Wir fragten genauer nach und stießen dabei auf einige interessante Wahrheiten übers Lügen:

 

Wir haben täglich eine Lüge auf den Lippen

Früher hieß es, dass jeder Mensch 200-mal am Tag lüge. Ganz so schlimm ist nicht. Nach den neuesten Untersuchungen von Dr. Helmut Lukesch, Psychologie-Professor an der Uni Regensburg, entschlüpfen jedem von uns durchschnittlich nur zwei Lügen pro Tag. Lukesch: „Es sind nur kleine Täuschungen, wie die Frau, die mit Feinkosttüten durch die Stadt spaziert, aber beim Discounter einkauft. Je gravierender eine Lüge ist, desto seltener kommt sie vor.“

 

Lügen will gelernt sein

Die Fähigkeit zur Täuschung wurde uns von der Evolution in die Wiege gelegt, trotzdem muss das Lügen oder vielmehr das dazu nötige Einfühlungsvermögen erlernt werden. Kinder sind erst mit fünf oder sechs Jahren in der Lage, eine Lüge glaubhaft zu erzählen.

 

Lügen ist eine Wissenschaft

Der österreichische Psychologe und Soziologe Professor Dr. phil. Peter Stiegnitz (72) hat für die wissenschaftliche Erforschung der menschlichen Lügen den Begriff Mentiologie geprägt. Er definiert Lüge als bewusste Abwendung von der Wirklichkeit, wobei die Grenze zum unmoralischen Verhalten (d. h. die bewusste Absicht, jemandem zu schaden) nicht immer überschritten werden muss.

 

Lüge ist nicht gleich Lüge

Grundsätzlich ist Lügen in unserer Gesellschaft verpönt. Professor Lukesch: „Auf der moralischen Ebene ist die Unwahrheit eines der schlimmsten Dinge.“ Nicht jede Lüge wird aber als gleich verwerflich angesehen:

Die soziale Lüge dient dem Wohl des Belogenen („Du siehst nicht dick aus“) oder der Harmonie in einer Gruppe („Am Sonntag bin ich schon verplant. Ich schaff’s nicht zum Familientreffen“). Sie ist gesellschaftlich gelitten.

Die Notlüge bewahrt uns vor zwischenmenschlichem Schaden („Natürlich habe ich die Besorgung nicht vergessen, ich hab sie nur jetzt nicht dabei“) oder vor einem finanziellen Nachteil („Verzugsszinsen? Den Betrag habe ich doch längst überwiesen. Ich frag mal bei der Bank nach.“). Notlügen werden in Einzelfällen akzeptiert, wenn sie nicht auf Kosten anderer gehen.

Keine Pardon gibt es für die gemeine oder verbrecherische Lüge, denn sie schädigt andere Menschen massiv, um dem Lügner einen Vorteil zu verschaffen (z. B. Betrug mit dem Enkel-Trick: „Hallo Tante Herta, ich bin’s doch, dein Enkel. Leihst du mir Geld?“).

 

Lügen kann strafbar sein

Wer jemand anderen mit falschen Behauptungen verleumdet oder vor Gericht oder bei Behörden lügt, macht sich strafbar. Je nach Tatbestand drohen mehrjährige Freiheits- oder Geldstrafen.

 

Männer und Frauen sind sich beim Lügen ebenbürtig

Laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK halten sich 69,5 Prozent der Frauen, aber nur 60,8 Prozent der Männer an das Gebot „Du sollst nicht lügen“. Lügen-Experte Professor Lukesch kann das nicht bestätigen: „Wir haben in mehreren Studien festgestellt, dass Frauen und Männer genauso oft lügen. Auch bei den Themen, bei denen gelogen wird, gibt es keine Unterschiede.“ Männer und Frauen leiden sogar gleich stark unter Lügen. Der Unterschied ist lediglich: Eine belogene Frau wird von der Gesellschaft weniger schief angesehen als ein belogener Mann. „Männer dürfen bei uns halt keine Deppen sein“, sagt Lukesch.

 

Die kürzeste Lüge der Welt

Als solche gilt die Antwort „Danke, gut“ auf die Frage, wie es einem geht. Wobei Profesor Lukesch bezweifelt, dass sie wirklich als „Lüge“ angesehen werden kann: „Was soll man denn sonst antworten? Es wäre ja peinlich, wenn ich einem flüchtigen Bekannten auf der Straße von meiner Prostata erzähle.“

 

Die zehn häufigsten Lügen im Alltag

1. Mir geht es gut.

2. Schön dich zu sehen.

3. Ich ruf dich an.

4. Wir müssen uns mal wieder sehen.

5. Ich stecke im Stau.

6. Ich habe den Anruf verpasst, hatte keinen Empfang.

7. Der Scheck ist in der Post.

8. Du siehst gut aus.

9. Ich war den ganzen Tag im Meeting.

10. Wir sind nur Freunde.

Politiker und ihre Affären

Politiker und ihre Affären

 

Lügen ist eine Frage des Kulturkreises

„In Asien ist die Lüge Teil der Kultur. Wenn sie dort jemanden nach dem Weg fragen, wird er immer lächeln und sie irgendwo hinschicken, selbst wenn er die Richtung gar nicht kennt. Es ist dort schlicht unhöflich, zuzugeben, nicht helfen zu können“, weiß Psychologe Lukesch. In China herrsche sogar ein ganz offener, unverkrampfter Umgang mit Täuschung.

 

Bei Lügnern ist das Gehirn komplexer

Amerikanische Wissenschaftler haben mit Hilfe von KernspinAufnahmen nachgewiesen, dass notorische Lügner eine andere Hirnstruktur haben als ehrliche Zeitgenossen. Im LügnerHirn gibt es in einer bestimmten Region bis zu 20 Prozent mehr weiße Hirnmasse, die für die Verknüpfung von Nervenzellen zuständig ist. Ein Vorteil, der schnelles Denken, aber eben auch gutes Lügen ermöglicht.

 

Lügner sind ganz schön clever

 Ob Lügner wirklich intelligenter sind als wahrheitsliebende Leute, ist noch nicht hinreichend erforscht. Klar ist aber, dass gutes Lügen eine hohe Gehirnleistung erfordert. „Ein Lügner muss clever sein. Er muss sich immer wieder in die Person, die er belügt, hineinversetzen und seine Strategie deren Reaktionen anpassen. Außerdem muss er eine Menge wissen und sich viel merken können, damit seine Geschichte glaubwürdig bleibt. Eine Lüge macht schließlich nur Sinn, wenn sie erfolgreich ist“, sagt Psychologe Lukesch. Schwierigkeit zwei: Ein Lügner muss seine eigenen verräterischen Gefühle und Reaktionen kontrollieren.

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Lügen hat die Menscheit schlau gemacht

Die Wissenschaftler sind sich heute weitgehend einig darüber, dass das Lügen zur geistigen Entwicklung des Menschen gehört. Einige vermuten sogar, dass Lü- gen die Menschheit intelligenter gemacht hat. Ihre These: Die Vergrößerung des menschlichen Hirns ist auf den evolutionären Druck zurückzuführen, immer raffinierter schwindeln zu müssen, um zu überleben.

Lügen gehört – manchmal – zum guten Ton

Wer zum Essen eingeladen ist und seinem Gastgeber auf die Frage „Wie schmeckt dir der Braten?“ ein „Wie Sägespäne mit Benzindressing!“ entgegnet, mag zwar ehrlich sein, ist aber auch ein schlimmer Rü- pel. Die Regeln der Höflichkeit verlangen manchmal nach einer Lüge, um die Gefühle von anderen nicht zu verletzen und den Frieden in der Gemeinschaft nicht zu zerstören.

Es gibt kein Leben ohne Lügen

Der Satz „Ich lüge nie“ gehört nicht zu Unrecht zu den größten Schwindeleien. „Wahrhaftigkeit ist ein hoher Wert, man sollte sich schon darum bemühen. Aber jeder von uns betreibt im Alltag in irgendeiner Form Informationskontrolle. Es ist nun mal so, dass Lügen zu unserem sozialen Repertoire gehört“, bilanziert Wissenschaftler Lukesch.

Es gibt „gute Gründe“ fürs Lügen

Studien zufolge lügen 41 Prozent der Menschen, um sich Ärger zu ersparen. 14 Prozent wollen sich ihr Leben bequemer gestalten. 8,5 Prozent schwindeln, um geliebt zu werden. Sechs Prozent tun es aus Faulheit, der Rest, ohne über die Beweggründe Bescheid zu wissen. Bei der Erhebung dieser Daten mussten die Wissenschaftler allerdings glauben, dass sie von ihren Studienteilnehmern nicht belogen wurden…

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Sich selbst belügen, ist schwer

Sich selbst zu belügen, ist beinahe unmöglich. Trotzdem geht es, meist durch schlichte Wiederholung. „Ich habe das schon erlebt“, bestätigt Experte Lukesch. Manchmal kann die kleine Selbstlüge auch hilfreich sein: Sich etwa vor einer Prüfung zu sagen „Ich bin nicht nervös“, kann motivieren und Ängste dämpfen.

Belogen zu werden, kann zu großer Macht verhelfen

Das gilt natürlich nur, wenn der Belogene die Täuschung durchschaut. Legt er sie nicht offen, verhilft ihm das gegenüber dem Lügner zu einer Machtposition. Etwa die Ehefrau, die vom Mann betrogen wird und dessen schlechtes Gewissen für sich arbeiten lässt. Lukesch: „Das ist Informationsmanipulation. Wer einen Betrug nicht aufdeckt, hat eine Karte, die er immer wieder spielen kann.“

Diät-Lügen

Lügen beichten, macht nicht immer Sinn

Wer ohnehin aufgeflogen ist, tut natürlich gut daran, seine Lügen zuzugeben. Wenn die Täuschung jedoch funktioniert hat und sich daraus keine weitreichenden Konsequenzen ergeben, sollte der Lügner sich eine Beichte verkneifen. Das klassische Beispiel ist der einmalige Seitensprung. „Statt den Partner anzuwinseln, soll der Lügner das mit sich selbst ausmachen“, empfiehlt Professor Lukesch.

Selbst Tiere und Pflanzen lügen

Von menschlichen Lügnern werden sie natürlich weit in den Schatten gestellt, aber auch Tiere sind ausgebuffte Schwindler. Zum Beispiel das Opossum, dass sich einfach tot stellt, wenn sich ein Raubtier nähert, oder der Hahn, der Hennen mit dem Futterruf anlockt und dann doch nur Sex haben will. In der Fauna sind die fleischfressenden Pflanzen die bekanntesten Lügner. Sie imitieren Duft und Aussehen von Insektennahrung und locken so ihre Opfer in die Falle.

In Lüge kann man leben

In der Gemeinde Fleetmark im Altmarkkreis Salzwedel (Sachsen-Anhalt) gibt es einen Ortsteil namens „Lüge“. Das Dorf wurde 1363 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.

Lügendetektor entlarvt Betrüger tatsächlich

Wer lügt, steht unter Stress und Stress verursacht typische körperliche Reaktionen wie erhöhten Blutdruck oder Schwitzen. Der Polygraph oder Lügendetektor misst diese körperlichen Reaktionen und stellt sie als Kurven dar. Ob gelogen wurden, entscheidet sich bei der Kurvenauswertung, bei der die Reaktionen auf normale und auf kritische Fragen verglichen werden.

Die Polygraphen-Methode hat eine Erfolgsquote von 95 bis 97 Prozent. Sie kann jedoch überlistet werden. Die bekanntesten Beispiele sind der SowjetSpion Aldrich Ames, der zweimal von der CIA getestet wurde und bestand, sowie der 48-fache Serienmörder Gary Ridgway aus den USA, der das Gerät ebenfalls zweimal austrickste. In Deutschland sind Polygraphentests vor Gericht nicht als Beweismittel zugelassen

Carmen Krippl

Quelle: rosenheim24.de

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