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Raumfahrt

Zwischen Müll und Mikroben - Wie es auf der ISS aussieht

ISS
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Auf der ISS ist es schon ganz schön voll.

Es fehlt eine Rumpelkammer, ein Keller oder ein Dachboden: Auf der ISS herrscht Platzmangel. Manchmal tauchen auch Jahre später „alte Schätze“ in einer Ecke auf.

Köln - Wenn Matthias Maurer Ende Oktober zur ISS aufbricht, erwartet ihn rund 400 Kilometer über der Erde keine futuristische Science Fiction. Zwar ist die internationale Raumstation voller Technik, nicht alles aber wirkt hochmodern.

Manches hat nach mehr als 20 Jahren einen gewissen Retro-Charme. Zumal der Blick ins Innere hin und wieder an eine Messiewohnung erinnert. „Das ist schon voll da oben“, räumt Volker Schmid ein, der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Maurers Mission „Cosmic Kiss“ leitet. „Etwas zu suchen und zu finden ist manchmal nicht so leicht bei der Menge.“

Einst entdeckte Alexander Gerst in einem Fach Disketten - eine von ihnen mit den über 20 Jahre alten Betriebssystemen Windows 95/98. In russischen Modulen tauchten in den vergangenen Monaten Lecks auf. Um sie aufzuspüren, ließen die Astronauten Teebeutel umherschweben.

Entworfen wurde die ISS in den 80er Jahren. Die europäische Beteiligung ist zunächst bis 2024 gesichert. Im nächsten Jahr bei der Ministerkonferenz wird sie nach aller Wahrscheinlichkeit verlängert. „Das ist eine Rieseninvestition von Steuermitteln gewesen. Die will man nutzen, solange es geht“, sagt Schmid. An der ISS beteiligt sind zudem die USA, Russland, Kanada und Japan.

Die Konstruktion sei sicher, sagt der Experte, der den Ingenieuren Respekt zollt. Die Lecks sprächen nicht für schlechte Qualität. Als älteste Teile der ISS hätten die russischen mehr als 20 Jahre auf dem Buckel und seien hoch beansprucht: minus 150 Grad im Erdschatten, plus 150 auf der Sonnenseite. Das im Wechsel alle 45 Minuten.

Schmid vergleicht das mit einem Auto: Mit den Jahren steige da auch die Wahrscheinlichkeit, dass mal etwas ausfällt. „Dann muss man schauen, dass man das reparieren kann.“ Immer wieder würden etwa Wasserpumpen und Wärmetauscher ausgetauscht, Ersatzteile eingebaut. Derzeit würden zum Beispiel die großen Solarpanels ausgewechselt, weil sie nach 20 Jahren nicht mehr die beste Leistung bringen.

Und wenn es mal wirklich brenzlig wird? Für alle lebenserhaltenden Systeme, Sauerstoff, Strom gebe es Ersatz. Sollte ein Modul undicht und unbenutzbar werde, könne man es abschotten. Die Astronauten trainierten auch für solche Fälle oder für Feuer. „Und zur Not könnte man auch jederzeit zurück, denn die Sojus- und Dragonkapseln fungieren auch als Rettungssysteme“, so Schmid. Und wichtiger als ein modernes Aussehen sei schließlich zuverlässige und sichere Technik.

Damit Technik und Equipment auf der ISS auf aktuellem Stand bleiben, werden alle paar Wochen zwei bis drei Tonnen Nachschub und Nutzlast ins All geschossen. „Wenn viel zu tun ist, kann das Aus- und Einladen schon mal hektisch werden. Zum Beispiel wenn viele neue Experimente kommen, Proben für den Rücktransport verpackt und große Teile temporär untergebracht werden müssen“, sagt Schmid. Auch erfordere es eine logistische Choreographie, damit etwa Andockstellen frei sind.

Gleiches gilt im Inneren: Weil die ISS weder Keller und Dachboden noch Garten oder Parkplatz hat, müssen schon mal Experimentschränke hin und her geschoben werden. Zu Gersts Zeiten sei es manchmal recht eng geworden, erinnert sich Schmid. Etwa 1200 Kubikmeter beträgt der Wohn- und Arbeitsraum nach Angaben der Europäischen Weltraumorganisation Esa. „Die haben so viel Platz wie in einem leeren Jumbojet“, vergleicht Schmid.

Allein für Maurer seien mit der jüngsten Space-Ex-Rakete acht Experimente nach oben befördert worden. Darunter eine Speziallinse für Netzhautscans, um so Schwellungen des Sehnervs durch höheren Kopfdruck diagnostizieren zu können, den die Schwerelosigkeit auslöst, und Wildblumensamen für einen Nachwuchswettbewerb.

Vor den Expeditionen sprächen sich alle Partner mit viel Vorlauf ab, erklärt Schmid. „Das ist nicht so ganz easy teilweise.“ Um Platz zu schaffen, werden immer wieder Geräte und Proben zur Analyse zurück zur Erde geschickt. Ausgediente Experimente, Hardware und Astronautenunterwäsche verglühen dagegen als Müll mit Versorgungsraumschiffen beim Wiedereintritt in der Atmosphäre. „Trashen“ heißt das dann.

Ein anderes Experiment von Maurer befasst sich mit verschiedenen Oberflächen und wie widerstandsfähig diese gegen Bakterien sind. Denn auch die tummeln sich in der Raumstation. „Überall, wo Menschen sind, sind auch Bakterien und Keime“, macht Schmid deutlich. „Daher muss dauernd gründlich gereinigt werden.“ Lüften geht natürlich nicht. Und manche Bakterien greifen den Angaben nach etwa auch Metall an und zersetzen es.

US-Forscher hatten im Frühjahr im Fachjournal „Microbiome“ eine Studie veröffentlicht, bei der sie Bakterien und Pilze untersucht hatten, die binnen 14 Monaten von drei verschiedenen Besatzungen genommen wurden. Esstisch, Schlafkabine, Toilette, Wände und Fenster wurden berücksichtigt. Anzahl und Zusammensetzung der gefundenen Pilze blieben stabil, die der Bakterien veränderte sich, stellte das Team fest - wohl wegen der verschiedenen Raumfahrer an Bord. Ob die gefundenen Mikroorganismen wie Staphylokokken und Enterobakterien den Menschen in der Raumstation oder auch der ISS selbst gefährlich werden könnten, müsse noch untersucht werden.

Biologe Rob Dunn schreibt in seinem Buch „Nie allein zu Haus“, dass es auf der ISS Berichten zufolge nach einer Mischung aus Plastik, Müll und Schweiß riecht. Das sei angesichts des Vorkommens diverser Bakterien kein Wunder.

DLR-Missionsleiter Schmid ist sicher, dass der Bedarf an Forschung im Weltraum auch nach der ISS-Ära groß bleiben wird. „Manche Experimente kann man hier am Erdboden gar nicht machen.“ Nächstes Jahr bei der Tagung des Esa-Ministerrats dürften Pläne vorgestellt werden, wie es weitergehen und wie auch ein Nachfolger nach dem Jahr 2030 aussehen könnte. Der bekommt dann sicher auch ein neues Design. dpa

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