Talentzentrum Wintersport muss Etat gewaltig runterfahren

„Wir sind massiv gefährdet“

Alexander Resch im Gespräch
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Alexander Resch, seit 2014 Sport-Talent-Vorsitzender, macht sich große Sorgen um die so wichtige Einrichtung zur Förderung des Sport-Nachwuchses im Talkessel. „Corona hat alles verändert“, sagt der 41-Jährige.

Berchtesgaden - Das Talentzentrum Wintersport muss seinen Etat gewaltig runterfahren. Wie ernst die Situation ist zeigt auch der Umstand, dass Trainer auf Entschädigungen verzichten.

Alexander Resch arbeitet seit 2013 ehrenamtlich in der Vorstandschaft des Talentzentrums Wintersport Berchtesgaden, kurz als „Sport-Talent“ bekannt. 2014 übernahm er den Vorsitz von Hartmut Karstens, der kurz im Amt war, nachdem Helmut Weinbuch – Gründer und Macher der Förder-Einrichtung – seine Tätigkeit nach zwölf Jahren beendet hatte. „Da ist viel Leidenschaft dabei“, sagt Resch. „Nicht nur bei uns in der Vorstandschaft mit Helmut Weinbuch als Ehrenpräsident zur Seite und in der Geschäftsstelle, sondern vor allem bei unseren elf Trainern. Sie alle haben sich gemeinsam mit uns und den Wintersportvereinen im inneren Landkreis der Nachwuchsförderung verschrieben. Der komplette Wintersport wird – freilich mit unterschiedlicher Gewichtung – unterstützt: Ski alpin, Snowboard, Langlauf, Skispringen, Biathlon, Nordische Kombination, Eishockey, Rennrodeln, Bob und Skeleton.


Corona hat nun viel verändert und nahm erheblichen Einfluss auf die Arbeit der engagierten Menschen, die sich um den Sport-Nachwuchs im Berchtesgadener Talkessel und den umliegenden Gemeinden kümmern. Wenngleich mit höchst differenten Auswirkungen. Denn während viele Vereine ihre Finanzierungsgrundlage aus ihren Mitgliedsbeiträgen und vielleicht ein paar Spenden schöpfen – und die Pandemie deshalb möglicherweise nicht für eine existenzbedrohende Schieflage sorgt – wird das 1991 gegründete Talentzentrum Wintersport Berchtesgaden maßgeblich von Sponsorengeldern und Spenden finanziert. Diese werden vor allem durch Veranstaltungen wie die Sport-Gala, die Kinder- und Jugend-Olympiade oder das Seefest am Königssee generiert. Dieses wäre heuer mit einem stark überarbeiteten Konzept Ende Juli an den Start gegangen. Das Seefest musste wie die Sport-Gala abgesagt werden, die auserwählten Sportlerinnen und Sportler jedoch zumindest „virtuell“ und im „Berchtesgadener Anzeiger“ ausführlich portraitiert.

Etat wankt gewaltig


Die Sport-Talent-Mitgliedsbeiträge machen gerade einmal zwölf Prozent des Gesamt-Etats aus. „Die Pandemie sorgt mit ihrer enormen Entwicklung natürlich für einen massiven Einschnitt“, so Vorstand Alexander Resch. Das bedeute beispielsweise, dass die aktuelle Finanzplanung bereits um knapp 35.000 Euro reduziert werden musste. Noch im Januar unterbreitete Resch den Kollegen des Talentzentrums einen Haushaltsvorschlag – mit positiver Abstimmung – von rund 123.000 Euro für die Nachwuchsförderung im Talkessel.

Somit ist die größte Herausforderung aktuell die Finanzierung: „Wenn sich die Situation perspektivisch nicht bessert, sind wir massiv gefährdet“, spricht es Resch drastisch, aber klar und ohne Umschweife aus. Möglicherweise sind die knapp 35.000 Euro noch nicht das Ende der Fahnenstange: „Vielleicht kommen weitere Ausfälle dazu“, so der Rennrodel-Doppelsitzer-Olympiasieger von 2002. Es sei zudem noch nicht gewährleistet, dass alle Sponsoren und Gönner bei der Stange bleiben können: „Es ist richtig bitter, weil wir so stark darauf angewiesen sind, dass unsere Veranstaltungen stattfinden. Corona hat uns hier extrem geschadet“, sagt der 41-Jährige.

Fünf Fahrzeuge unterhält das Talentzentrum Wintersport, seine elf Trainer erhalten direktes Gehalt beziehungsweise ein Übungsleiter-Honorar. Insgesamt betreuen 31 Trainer aktuell 189 Kinder. Dies geschieht in enger Abstimmung und Zusammenarbeit mit dem SK Berchtesgaden, WSV Bischofswiesen, WSV Königssee, SC Schellenberg, RC Berchtesgaden und dem EV Berchtesgaden. „Aus meiner Sicht ist es an dieser Stelle wichtig herauszustellen, wer oder was wir überhaupt sind“, so Resch. „Als vereinsübergeordneter Förderverein des Wintersports ist es unsere primäre Aufgabe, Gelder zur Nachwuchsförderung bereitzustellen, um gemeinsam mit den Hauptvereinen die strukturellen und organisatorischen Rahmenbedingungen, die von Sportart zu Sportart variieren, bereitzustellen. Sport-Talent ist insofern wesentlich für die Klubs, da sie diese Gelder nicht mehr aufbringen müssen. Vielmehr ist es so, dass sich aufgrund der vereinsübergreifenden Ausrichtung Redundanzen abbauen lassen und Synergien ergeben.“

Gerade 2019 wurde ein neuer, mutiger Weg eingeschlagen: Mit Christian Gruber konnte erstmals ein hauptamtlicher Trainer, der unsere vier Ski-Vereine im U14-Bereich unterstützt, installiert werden. „Damit können wir ein Alpin-Programm anbieten, welches seinesgleichen sucht“, so Resch. Es ist nun möglich, den hohen Ansprüchen im Skisport gerecht zu werden: „Ich habe diese Disziplin exemplarisch erwähnt, möchte jedoch betonen, dass wir in allen Wintersportarten sehr gut aufgestellt sind.“

Eine ganz große Nummer

Alex Resch machte sich lange Gedanken, wo er nun aufgrund wegbrechender Gelder – allein durch den Ausfall der Sport-Gala 2020 fehlen rund 25.000 Euro in der Sport-Talent-Kasse – Einsparungen vornehmen könnte. „Natürlich sollte das nicht zulasten der jungen Sportler ausfallen oder dass wir schlimmstenfalls gewisse Abteilungen gar nicht mehr fördern können“. In einer offenen Diskussion waren sich die Trainer einig, dass ein solidarischer Schnitt der einzige mögliche Weg ist: Mit dem Ergebnis, dass die Trainer nun bis auf Weiteres auf einen Großteil ihres Honorars oder die Übungsleiter-Entschädigungen verzichten. „Einige arbeiten jetzt sogar komplett ohne Vergütung“, ist Resch von der Bereitschaft der Coaches, die teils ohnehin nicht viel bekommen, sichtlich angetan. „Dieser Idealismus, den unsere Trainer hier im Sinne der Sache an den Tag legen, ist aller Ehren wert und eine ganz große Nummer. Denn ohne dieses Engagement müssten wir schmerzhafte Einschnitte vornehmen.“ Schon jetzt sind Kürzungen bei Projektförderungen wie die Unterstützung von Sommercamps oder außerordentlichen Anschaffungen und Fördermaßnahmen unumgänglich, um den Kernbetrieb aufrechtzuerhalten.

Wer fördert die Nachwuchsarbeit explizit? Unterstützer, regional wie überregional, die sich mit dem Wintersport identifizieren, befreundete Unternehmen, die der großen Wintersport-Familie mit hoher Affinität der so wichtigen sportlichen Jugendarbeit zwischen Marktschellenberg und Königssee finanziell unter die Arme greifen. Die vor drei Jahren neu ins Leben gerufene Sport-Gala als Nachfolgerin der Berchtesgadener Sportlerehrung trägt maßgeblich zur Positionierung des Winter- und des Sports im Allgemeinen in Berchtesgaden sowie zur Refinanzierung der Strukturen bei.

Kein Selbstläufer

Wie schnell ein derartiges Konstrukt ins Wanken geraten kann, sei ernüchternd, sagt Alexander Resch. Er drückt damit eine gewisse Machtlosigkeit aus. Sie zeige, dass die komplette Förderung, also die finanzielle Ausstattung als Dreh- und Angelpunkt des Talentzentrums Wintersport, die den Vereinen hier zuteil wird, kein Selbstläufer ist. Die an vielen Orten auftretenden Schwierigkeiten, dass Kinder und Jugendliche nach Corona nicht mehr zu ihren Vereinen zurückkehrten, weil sie inzwischen andere Interessen entdeckten, kann Resch in Berchtesgaden und Umgebung nicht feststellen: „Wir begannen relativ früh wieder mit dem Training. Unsere Trainer waren via Zoom-Konferenzen in ständigem Austausch mit ihren Sportlern. Es war uns natürlich schon wichtig, den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen aufrecht zu erhalten und nicht zu vernachlässigen“.

Hans-Joachim Bittner

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