Sven Hannawald im Interview

Skispringen: „Die deutsche Mannschaft ist gut gerüstet“

Skispringen: Sven Hannawald ist der neue Skisprung-Experte im Ersten.
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Skispringen: Sven Hannawald ist der neue Skisprung-Experte im Ersten.

Mit einem Teamspringen im polnischen Wisla beginnt der Weltcup 2020/21 im Skispringen. Im Interview spricht Skisprung-Legende Sven Hannawald über die Saison in Corona-Zeiten, den Zustand des deutschen Teams, die Favoriten und seinen neuen Job im Ersten.

München - Der Weltcup 2020/21 im Skispringen beginnt am Wochenende (21. und 22. November 2020) mit zwei Events in Wisla, sieht sich durch die Corona-Pandemie aber auch mit einigen Herausforderungen konfrontiert.

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Im Interview mit chiemgau24.de* ordnet Sven Hannawald die Gegebenheiten ein, spricht über den sportlichen Zustand des deutschen Teams und nennt seine Favoriten auf den Gesamtweltcup. Zudem berichtet der letzte deutsche Vierschanzentournee-Sieger über seinen Wechsel von Eurosport zur ARD und beschreibt seine Rolle im Ersten.

Skispringen: „Die Expertentätigkeit im Ersten ist ein großes Privileg für mich“

Herr Hannawald, Sie sind ab dieser Saison als Skispringen-Experte im Ersten tätig. Wie kam es zum Wechsel von Eurosport zur ARD?

Sven Hannawald (46): Das hatte ich eigentlich auch so nicht auf meiner Agenda. Durch den für alle überraschenden Rücktritt Dieter Thomas, wurde die Möglichkeit, den nächsten Schritt zu gehen, möglich. Ich war aber bei Eurosport unter Vertrag, die Saison war eigentlich schon in Planung. Nichts desto trotz, wollte ich die Möglichkeit nicht unversucht lassen, die Gespräche haben begonnen und liefen positiv. Die Expertentätigkeit im Ersten ist ein großes Privileg für mich, im deutschen Fernsehen ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen die größtmögliche Plattform. Zudem überträgt die ARD im Wechsel mit dem ZDF, was für mich und meine Familie natürlich während der Saison eine große zeitliche Entlastung ist. Und das war schließlich einer der Hauptgründe. Deswegen bin ich sehr froh, dass der Wechsel so kurzfristig geklappt hat und bin Eurosport natürlich auch dankbar, dass mir das ermöglicht wurde. Jetzt freue ich mich sehr auf meine neue Aufgabe. Skispringen: Sven Hannawald wird Experte in der ARD

Sie waren vier Jahre als Co-Kommentator und Experte bei Eurosport tätig. Mit welchem Fazit?

Mit einem durchweg Positiven! Ich durfte an der Seite von Kommentator Matthias Bielek sehr viel im journalistischen Bereich lernen und wir haben in den vier Jahren ein tolles Produkt auf die Beine gestellt. Auch mit dem gesamten Team war das Verhältnis immer sehr positiv. Insgesamt blicke ich auf vier tolle Jahre zurück, für die ich sehr dankbar bin.

In welcher Rolle werden wir Sie in der ARD sehen?

Wie man es bereits von Dieter kennt, werde ich mit Moderator Matthias Opdenhövel die Springen analysieren. Ich bin als Experte für die fachliche Einordnung des sportlichen Geschehens zuständig. Ob ich gelegentlich auch als Co-Kommentator tätig sein werde, ist durchaus angedacht. Wann und wie oft ist noch offen.

Wie wird sich Corona auf ihre Experten-Tätigkeit auswirken?

Feststeht, dass Matthias und ich die Weltcups in Wisla und Nizhny Tagil aus dem Studio in Köln moderieren werden. Wir hoffen, dass wir dann kurz vor Weihnachten in Engelberg vor Ort sein können. Das ist aber noch nicht geklärt und hängt von den Entwicklungen rund um Corona ab. Bei der Vierschanzentournee übertragen wir die Springen aus Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck, dort werden wir auch vor Ort sein. So ist es derzeit geplant. Wie sich die weitere Saison dann entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Skispringen: Der Kader der deutschen Herren für die Saison 2020/21

Markus Eisenbichler: Geburtsdatum: 03.04.1991; Ski-Club: TSV Siegsdorf; Größte Erfolge: Weltmeister im Einzel, im Team und im Mixed bei der WM 2019 in Seefeld; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 27.
Markus Eisenbichler: Geburtsdatum: 03.04.1991; Ski-Club: TSV Siegsdorf; Größte Erfolge: Weltmeister im Einzel, im Team und im Mixed bei der WM 2019 in Seefeld; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 27. © picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Karl Geiger: Geburtsdatum: 11.02.1993; Ski-Club: SC Oberstdorf; Größte Erfolge: Weltmeister im Team und im Mixed bei der WM 2019 in Seefeld, Silbermedaille im Team bei Olympia 2018 in Pyeongchang; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 2.
Karl Geiger: Geburtsdatum: 11.02.1993; Ski-Club: SC Oberstdorf; Größte Erfolge: Weltmeister im Team und im Mixed bei der WM 2019 in Seefeld, Silbermedaille im Team bei Olympia 2018 in Pyeongchang, Zweiter im Gesamtweltcup 2019/20; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 2. © picture alliance/Angelika Warmuth/dpa
Martin Hamann: Geburtsdatum: 10.04.1997; Ski-Club: SG Nickelhütte Aue; Größte Erfolge: Deutscher Vizemeister 2020.
Martin Hamann: Geburtsdatum: 10.04.1997; Ski-Club: SG Nickelhütte Aue; Größte Erfolge: Deutscher Vizemeister 2020. © dsv
Richard Freitag: Geburtsdatum: 14.08.1991; Ski-Club: SG Nickelhütte Aue; Größte Erfolge: Weltmeister im Mixed bei der WM 2015 in Falun und im Team 2019 in Seefeld, Silbermedaille im Team bei Olympia 2018 in Pyeongchang; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 38.
Richard Freitag: Geburtsdatum: 14.08.1991; Ski-Club: SG Nickelhütte Aue; Größte Erfolge: Weltmeister im Mixed bei der WM 2015 in Falun und im Team 2019 in Seefeld, Silbermedaille im Team bei Olympia 2018 in Pyeongchang; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 38. © picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa
Severin Freund: Geburtsdatum: 11.05.1988; Ski-Club: WSV-DJK Rastbüchl; Größte Erfolge: Gesamtweltcupsieger der Saison 2014/15, Olympiasieger im Team bei Olympia 2014 in Sotschi; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 88.
Severin Freund: Geburtsdatum: 11.05.1988; Ski-Club: WSV-DJK Rastbüchl; Größte Erfolge: Gesamtweltcupsieger der Saison 2014/15, Olympiasieger im Team bei Olympia 2014 in Sotschi; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 88. © picture alliance/Urs Flueeler/KEYSTONE/dpa
Pius Paschke: Geburtsdatum: 20.05.1990; Ski-Club: SC Kiefersfelden; Größte Erfolge: Weltcupsieg im Team beim Springen in Lahti 2019, Deutscher Meister im Team 2011; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 23.
Pius Paschke: Geburtsdatum: 20.05.1990; Ski-Club: SC Kiefersfelden; Größte Erfolge: Weltcupsieg im Team beim Springen in Lahti 2019, Deutscher Meister im Team 2011; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 23. © picture alliance/Alexandra Wey/KEYSTONE/dpa
David Siegel: Geburtsdatum: 28.08.1996; Ski-Club: SV Baiersbronn; Größte Erfolge: Juniorenweltmeister im Einzel und im Team 2016; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: -.
David Siegel: Geburtsdatum: 28.08.1996; Ski-Club: SV Baiersbronn; Größte Erfolge: Juniorenweltmeister im Einzel und im Team 2016; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: -. © picture alliance/Daniel Karmann/dpa
Andreas Wellinger: Geburtsdatum: 28.08.1995; Ski-Club: SC Ruhpolding; Größte Erfolge:Olympiasieger von der Normalschanze 2018 in Pyeongchang, Olympiasieger im Team bei Olympia 2014 in Sotschi, Silber von der Großschanze und im Team bei Olympia 2018; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: -.
Andreas Wellinger: Geburtsdatum: 28.08.1995; Ski-Club: SC Ruhpolding; Größte Erfolge:Olympiasieger von der Normalschanze 2018 in Pyeongchang, Olympiasieger im Team bei Olympia 2014 in Sotschi, Silber von der Großschanze und im Team bei Olympia 2018; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: -. © picture alliance/Daniel Karmann/dpa
Constantin Schmid: Geburtsdatum: 27.11.1999; Ski-Club: WSV Oberaudorf; Größte Erfolge: Juniorenweltmeister im Team 2018 in Kandersteg und 2019 in Lahti, zwei Weltcupsiege im Team; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 17.
Constantin Schmid: Geburtsdatum: 27.11.1999; Ski-Club: WSV Oberaudorf; Größte Erfolge: Juniorenweltmeister im Team 2018 in Kandersteg und 2019 in Lahti, zwei Weltcupsiege im Team; Platzierung im Gesamtweltcup der Saison 2019/20: 17. © picture alliance/Daniel Karmann/dpa
Bundestrainer: Stefan Horngacher. Geburtsdatum: 20.09.1969. Im Amt seit: April 2019.
Bundestrainer: Stefan Horngacher. Geburtsdatum: 20.09.1969. Im Amt seit: April 2019. © picture alliance/Daniel Karmann/dpa
(von links): Karl Geiger, Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler und Constantin Schmid sind Teil der deutschen Mannschaft in der Skisprung-Saison 2020/21.
(von links): Karl Geiger, Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler und Constantin Schmid sind Teil der deutschen Mannschaft in der Skisprung-Saison 2020/21. © picture alliance/Grzegorz Momot/PAP/dpa

Im Vergleich zu anderen Wintersportarten gab es im Weltcup-Kalender im Skispringen nur kleine Änderungen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Saison wie geplant durchgeführt werden kann?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Events überhaupt stattfinden. Das ist für das Skispringen von essenzieller Bedeutung. Den geplanten Kalender sehe ich prinzipiell positiv. Man hat entsprechenden Spielraum, um auf mögliche kurzfristige Absagen reagieren zu können. Im Vorfeld schon Events zu streichen, wäre meiner Meinung nach der falsche Ansatz gewesen.

Corona hatte auch Einfluss auf die Vorbereitung der Athleten. Wird sich das sportlich auswirken?

Das glaube ich nicht. Was aber jetzt unmittelbar vor dem Saisonstart sehr spannend ist, ist die Tatsache, dass man im Vergleich zu einer normalen Vorbereitung keine Vergleichswerte hat und damit keiner so wirklich weiß, wo er steht. In der Regel messen sich die Springer ja bei mehreren Sommer-Grand-Prix und auch bei Trainingslehrgängen sieht man sich und kann seinen eigenen Leistungsstand entsprechend einordnen. Durch Corona sind die Nationen unter sich geblieben und es gab nur eine Veranstaltung im Sommer. Das macht es im Hinblick auf die neue Saison umso spannender.

Im materiellen Bereich gab es eine große Änderung. Die Keile im Schuh müssen künftig symmetrisch sein und dürfen nicht dicker als 5,5 Zentimeter hinten und 1,5cm seitlich sein. Wie stehen Sie zu dieser Maßnahme?

Sie war überfällig und ist positiv zu bewerten. Das Material hat in den vergangenen Jahren eine zu große Rolle gespielt und wurde immer weiter ausgereizt. Das hat zu vielen schweren Verletzungen geführt, die Zahl der Kreuzbandrisse war einfach zu hoch. Die Regulierung des Materials führt jetzt zu mehr Stabilität und Sicherheit bei der Landung. Und was ich bisher von den Springern gehört habe, sind die Auswirkungen beim Absprung nicht allzu groß. Dennoch kann ich mir durchaus vorstellen, dass es den einen oder anderen Springer geben wird, der mit dieser Umstellung durchaus zu kämpfen haben wird.

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Zuschauer wird es bei vielen Events nicht geben. Sehen Sie auch hier mögliche sportliche Auswirkungen?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Durch das Fehlen der Zuschauer wird bei dem einen oder anderen wahrscheinlich auch die Nervosität zurückgehen. Ein volles Stadion kann einen beflügeln, aber auch verkrampfen lassen. Das wird sehr spannend zu sehen. Dass leere oder nur wenig gefüllte Stadien prinzipiell natürlich extrem schade für das Skispringen und die Athleten sind, ist natürlich keine Frage. Ich hoffe, dass wir schon bald wieder mehr Zuschauer vor Ort sehen können.

Kommen wir zum deutschen Team. Was ist der Mannschaft von Stefan Horngacher in dieser Saison zuzutrauen?

Ziel wird es sein, den Nationencup zu verteidigen. Dafür sehe ich die deutsche Mannschaft auch gut gerüstet. Der Bundestrainer hat eine qualitativ und quantitativ hochwertige Mannschaft und kann bis auf Stephan Leyhe, der die Saison verletzungsbedingt passen muss, aus dem Vollen schöpfen.

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Wer sind die potenziellen Siegspringer und wen muss man im Blickfeld haben?

Ich durfte das deutsche Team beim Lehrgang in Garmisch-Partenkirchen besuchen und was ich dort gesehen habe und wie man aus der gesamten Vorbereitung gehört hat, ist Markus Eisenbichler sehr gut in Form. Auch Karl Geiger muss man natürlich auf der Liste haben. Er soll zwar noch nicht in Bestform sein, ist aber ein Wettkampftyp, der sich auf den Punkt dann auch immer steigern kann. Constantin Schmid hat teilweise sehr starke Sprünge gezeigt und auch Martin Hamann hat sich sehr gut entwickelt. Nicht umsonst wurde er Zweiter bei der Deutschen Meisterschaft.

Wie steht es um den Rest des Teams?

Andi Wellinger und David Siegel kehren nach einem Jahr Verletzungspause zurück und stehen noch unter Welpenschutz. Da müssen wir abwarten, wie schnell sie wieder in Form kommen. Vom Potenzial her haben beide das Zeug, ganz nach vorne zu springen. Und dann sind da noch die Routiniers Severin Freund, Richard Freitag und Pius Paschke. Auch Pius hat sich enorm entwickelt zur letzten Saison.

Wen haben Sie aus internationaler Sicht auf dem Zettel?

Stefan Kraft war in der letzten Saison sehr konstant und hat verdient den Gesamtweltcup gewonnen. Er braucht zwar hin und wieder etwas Anlaufzeit, um in die Saison zu kommen. Wenn ihm das aber gelingt, ist er auch in diesem Jahr wieder ein ganz heißer Kandidat auf die vorderen Plätze. Weitere Kandidaten sind natürlich Kamil Stoch und Dawid Kubacki.

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Was erwarten Sie von Ryoyu Kobayashi, dem Überflieger der Saison 2018/19?

Für die Japaner ist die kommende Saison eine ganz besondere Herausforderung. Aufgrund der Corona-Pandemie werden sie wohl die komplette Saison in Europa verbringen müssen. Das kann schnell zu einer Art Lagerkoller führen. Auf der anderen Seite kann das aber auch zusammenschweißen und eine positive Dynamik annehmen. Ich denke die Performance der Japaner könnte stark davon abhängen, wie sie sportlich in die Saison kommen.

Die Saison ist gespickt mit Highlights. Kann man als Skispringer gezielt auf diese Highlights hinarbeiten?

Man versucht normalerweise, eine Saison zu steuern und nicht gleich zum Auftakt zu überdrehen. Da die Skiflug-WM schon Mitte Dezember stattfindet, was ungewöhnlich früh ist, gestaltet sich die Ausgangssituation natürlich anders. Eine große Eingewöhnungszeit bleibt den Springern nicht, das macht die Sache natürlich extrem spannend. Zu mal mit der Skiflug-WM auch der zweitgrößte Bakken überhaupt auf der Welt wartet.

Quelle: chiemgau24.de

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