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Zeitenwende nach russischem Einmarsch in der Ukraine

100 Milliarden für die Bundeswehr - Chef des Münchner Panzerbauers KMW verspricht: „Wir können liefern“

Olaf Scholz will angesichts des Ukraine-Kriegs die Bundeswehr mit einem 100-Milliarden-Paket fit machen. Was der Münchner Panzerbauer KMW beitragen kann und wo es noch hakt, erläutert KMW-Chef Ralf Ketzel.

München - Für den Münchner Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) war es ein Auf und Ab der Gefühle: Noch vor vier Wochen stand ein großes Fragezeichen hinter einem vier Milliarden Euro schweren Auftrag für den Schützenpanzer Puma. Jetzt will Bundeskanzler Olaf Scholz 100 Milliarden Euro in die Modernisierung der Bundeswehr stecken. Ein Gespräch mit KMW-Geschäftsführer Ralf Ketzel über die überraschende Zeitenwende in der deutschen Verteidigungspolitik, die überfällige Reform des Bundesamtes für Beschaffung und das deutsch-französische Rüstungsprojekt MGCS.

Herr Ketzel, vor gut vier Wochen stand der erhoffte 3,9-Milliarden-Euro-Auftrag zur Beschaffung und Aufrüstung des Schützenpanzers Puma noch auf der Kippe. Nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine hat Bundeskanzler Olaf Scholz jetzt eine 180-Grad-Kehrtwende hingelegt und ein 100-Milliarden-Euro-Paket für die Bundeswehr angekündigt. Haben bei Ihnen nach der historischen Bundestagssitzung die Sektkorken geknallt?

Nein. Dazu ist der Hintergrund viel zu ernst und die Situation sehr besorgniserregend. Bei dem von Ihnen angesprochenen Sondervermögen befinden wir uns noch in einem sehr frühen Stadium. Denken Sie nur an die Diskussion um die nukleare Teilhabe und die mögliche Beschaffung des amerikanischen Kampfflugzeugs F-35. Natürlich hoffen wir darauf, dass die Bundeswehr zu ihrer langfristigen Planung steht. Ein Kernelement dieser Planung ist der Puma.  

Die Bundeswehr ist über 20 Jahre vernachlässigt worden. Jetzt sollen die Defizite offenbar rasch abgebaut werden. Welchen Beitrag kann KMW leisten?

Die Pläne, die Bundeswehr von Auslandseinsätzen wieder stärker auf Landes- und Bündnisverteidigung umzubauen, sind in den vergangenen Jahren vorangetrieben worden. Wir hoffen, dass diese Vorhaben zügig umgesetzt werden. Darauf bereiten wir uns vor. 

Ein großes Projekt der Bundeswehr ist die weitere Beschaffung und Aufrüstung des Schützenpanzers Puma. Können Sie da unter Umständen auch schneller liefern?

Das können wir. Das setzt aber voraus, dass wir alle - Politik, Bundeswehr und unser Unternehmen - Planungssicherheit haben. Entsprechende Vorschläge haben wir bereits vorgelegt. Gleiches gilt für den Kampfpanzer Leopard 2 und den Radpanzer Boxer.

Ursprünglich sollte das Puma-Projekt bis 2028 abgeschlossen werden. Wie viel schneller könnten Sie denn liefern?

Wenn unsere Zulieferer ihrerseits die Möglichkeit haben, das Material schneller beizustellen, können wir beim Puma die Auslieferung der Systeme um ein bis zwei Jahre verkürzen.

Und bei der geplanten Aufrüstung des Leopard II auf die aktuelle Version?

120 Bundeswehr-Panzer vom Typ Leopard 2 müssten dringend aufgerüstet werden.

Da könnten wir nach aktuellem Stand die Aufrüstung des Leopard 2 von derzeit vier bis sechs Fahrzeuge im Monat auf fünf bis sieben steigern.

Krauss-Maffei Wegmann-Chef Ketzel: „Angebot über 20 Milliarden Euro“

Nun ist der geplante Betrag von 100 Milliarden Euro eine bislang ungeahnte Größenordnung. Welcher Anteil davon könnte auf KMW entfallen?

Wir haben auf Anfrage des Verteidigungsministeriums eine Liste mit möglichen Projekten im Volumen von bis zu 20 Milliarden Euro eingereicht. Unser Vorschlag umfasst den Puma, die Aufrüstung des Leopard II, das Artillerie-System RCH 155 sowie ein System im Kampf gegen Schützenradfahrzeuge auf Basis des Boxer mit dem Turm aus dem bestehenden Puma-Angebot. Das sind Programme, die wir sehr schnell und in großer Stückzahl umsetzen können.

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Und beim Leopard II-System sprechen wir von neuen Fahrzeugen oder der Aufrüstung bestehender Panzer?

Es geht zunächst um eine Aufrüstung auf den aktuellen Stand. Ich halte es aber für sinnvoll, dass wir für die Bundeswehr, allein  schon wegen der Kosten, statt über eine Aufrüstung bestehender Systeme über eine Neuanschaffung nachdenken.

Rheinmetall-Chef Armin Papperger hat bereits zusätzliche Schichten in Aussicht gestellt, sofern es neue Aufträge geben sollte. Könnten Sie das auch?

Wir können kurzfristig reagieren. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, zum Beispiel beim Auftrag der kanadischen Streitkräfte zur Lieferung von Leopard II Panzer für den Einsatz in Afghanistan. Die Umrüstung haben wir in kürzester Zeit umgesetzt.  

Sie beschäftigen im Werk in München aktuell über 1600 Mitarbeiter. Bräuchten Sie zusätzliches Persomal, wenn der Bund nun doch auf eine rasche Lieferung neuer Waffensysteme beharren würde?

Seit Jahren steigt die Zahl unserer Mitarbeiter kontinuierlich. Wenn es eine signifikante Ausweitung des Ordervolumens gibt, müssen wir unsere Planung dahingehend natürlich anpassen.  

Krauss-Maffei-Wegmann-Chef Ketzel: „Sonderwünsche zurückstellen“, wenn es schnell gehen soll

In den vergangenen Jahren gab es bei Beschaffungsprojekten wiederholt teils eklatante Preissteigerungen. Beobachter führen dies auch auf komplexe Beschaffungsprozesse zurück. Was muss passieren, damit es künftig schneller und einfacher geht?

Wenn wir jetzt für eine kurzfristige Stabilisierung der Bundeswehr Material zur Verfügung stellen, sollte das auf Basis bestehender Genehmigungen und Freigaben passieren. Sonderwünsche müssen zurückgestellt werden. All das, was darüber hinausgeht, erfordert zusätzliche Qualifizierungen, Genehmigungen, Erprobungen und Abnahmen, die den gesamten Prozess verlängern. Deshalb muss das Motto lauten: Keep it simple, but not stupid. Langfristig ist es ratsam, über eine Anpassung der bestehenden Rahmenbedingungen nachzudenken.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie das Thema Ersatzteile. Rahmenverträge zu Standard-Konditionen würden deutlich effizienter sein. Auf Seiten des Beschaffungsamtes gibt es dagegen häufig Vorbehalte. Außerdem ist es langfristig sicher hilfreich, Beschaffungsideen über Ländergrenzen hinweg zu bündeln und zu vereinheitlichen, wie es zum Beispiel bei der Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und den Niederlanden auch sehr erfolgreich umgesetzt wird.

Also mehr länderübergreifende Projekte?

Ja. Das Radfahrzeug Boxer ist ein gutes Beispiel. Wir haben in Deutschland, Großbritannien, Litauen oder den Niederlanden das gleiche Fahrmodul und damit die gleiche Logistik. Das ist ein großer Vorteil.

KMW-Chef Ketzel: Beschaffung deutlich vereinfachen

Nehmen wir an, Sie hätten drei Wünsche zur Modernisierung des Beschaffungswesens in Koblenz frei: Was wäre am dringlichsten?

Mit der Fee und den Wünschen ist das so eine Sache. Hilfreich wäre sicherlich folgendes: Erstens: Bereits eingeführte und funktionierende Bauteile sollten nicht jedes Mal neu qualifiziert werden, wenn sie in ein neues System verbaut werden.  Wir müssen nicht jedes Mal alles neu entwickeln. Das gilt nicht nur für das Material selbst, sondern auch für vertragliche Eckdaten. Zweitens: Wir brauchen mehr Offenheit für eine engere internationale Zusammenarbeit bei Rüstungsthemen.

Das heißt?

Gerade kleinere Nationen wollen häufig deutsches Gerät beschaffen. Doch regelmäßig stehen dabei Fragen wie Rechtssicherheit, politische Rückendeckung oder Haftungsfragen im Raum. Viele potenzielle Auftraggeber wünschen sich, dass es für sie eine Art staatlichen Schutzschirm gäbe, ähnlich wie eine Hermes-Bürgschaft durch die Bundesregierung. Und drittens wünsche ich mir vom Beschaffungsamt eine klare Vorstellung von dem, was man braucht und was man haben will.

Eigentlich würde man davon ausgehen, dass die Bundeswehr weißt, was sie braucht?

Es gibt durchaus Beispiele, bei denen bereits im frühen Planungsstadium Klarheit herrscht  Das ist aber leider die Ausnahme. Die Regel ist eher, dass sich die Anforderungen bereits in der Planungsphase mehrfach ändern. Wenn wir davon wegkommen, würde das die Beschaffung erheblich vereinfachen und beschleunigen.

Um die Prozesse kurzfristig spürbar zu beschleunigen, hat Rheinmetall auch einen Verzicht auf euroweite Ausschreibungen gefordert. Was halten Sie davon?

Im Bereich der nationalen Ersatzteilversorgung mag das richtig sein, für eine Systembeschaffung sehe ich allerdings keine Notwendigkeit. Die europäische Rüstungsindustrie ist in den vergangenen Jahren geschrumpft. Daher brauchen wir im Moment eher eine sinnvoll strukturierte, europäische Kooperation. Da wäre das Signal, europäischen Wettbewerb auszuschließen, nicht wirklich hilfreich.

KMW-Chef Ketzel: Deutsch-französisches Panzer-Projekt MGCS beschleunigen

Sie arbeiten mit ihrem französischen Partner Nexter bereits am Nachfolger für den Leopard 2 und den französischen Panzer Leclerc. Das MGCS genannte Verbundsystem aus Panzer, Kampfdrohnen oder Laserwaffen soll 2035 in Dienst gestellt werden. Was heißt das jüngste Entwicklung für dieses Projekt?

Bundeskanzler Olaf Scholz hat in seiner wegweisenden Rede deutlich gemacht, dass das MGCS eines der Leuchtturmvorhaben für eine engere europäische Kooperation ist. Daraus ergeben sich eine ganze Reihe von Fragen.

Nämlich?

Eine zentrale Frage ist sicher, ob wir auf ein solches Leichtturm-Projekt bis 2035 oder 2040 warten können. Zudem wäre es wünschenswert, wenn wir Fragen zum MGCS schon jetzt auf einer deutlich weniger ambitionierten Ebene beantworten.

Also mehr Tempo und Klarheit beim MGCS?

Es wäre jedenfalls sehr hilfreich, beim MGCS rasch eine klare Vision auf dem Tisch zu haben.

Rubriklistenbild: © Philipp Schulze/dpa

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