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Interview

Millionenerbin Marlene Engelhorn: Deutschland soll Vermögenssteuer wieder erheben

Marlene Engelhorn
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Millionen-Erbin Marlene Engelhorn hält Steuern zahlen für das Demokratischste überhaupt.

Marlene Engelhorn wird eines Tages viel Geld erben. Doch sie möchte es abgeben und setzt sich mit ihrer Initiative dafür ein, Reichtum gerecht zu besteuern.

Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die 2020 erhoben wurde, besitzen die oberen zehn Prozent in Deutschland rund zwei Drittel des Nettovermögens. In Österreich hat ein Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Vermögens inne. Zum Vergleich: 90 Prozent der Österreicher:innen besitzt 34,4 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht, da die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird.

Was also tun, um dem entgegenzuwirken? Millionen-Erbin Marlene Engelhorn setzt sich mit ihrer Initiative taxmenow unter anderem dafür ein, die Vermögenssteuer wiedereinzuführen. Sie hält es für problematisch, dass Reiche steuerrechtlich und strukturell bevorzugt werden und verrät FR.de von IPPEN.MEDIA im Interview, wie es mit ihrer Initiative taxmenow vorangeht.

Frau Engelhorn: Sie wollen 90 Prozent ihres Erbes spenden. Warum nicht 100 Prozent? Sie könnten doch auch ein normales Leben in klassischer Lohnarbeit führen.

Marlene Engelhorn: Das ist das erste Missverständnis. Ich möchte mich von diesem Spenden-Habitus klar distanzieren. Außerdem weiß ich noch nicht, wie viel ich überhaupt erben werde und kann daher aktuell nur mit schwammigen Zahlen arbeiten. Ich würde gerne mehr garantieren, aber das ist leider eine private Angelegenheit.

Es ist also schwierig zu überblicken, wie hoch Vermögen reicher Menschen tatsächlich sind?

Genau. Ich kenne meine genaue Erbsumme nicht und habe auch noch nicht geerbt. Was ja eigentlich schön ist.

Ich wollte es gerade sagen.

Die Umverteilung soll nicht von privater Natur sein. Ich halte es für problematisch, wenn vermögende Personen entscheiden können, was wichtig ist und wo Geld hineingesteckt wird. Wichtig wäre es, eine demokratische, partizipative öffentliche Instanz zu haben – Steuerpolitik. Dieses Problem müssen wir mit strukturellen, öffentlichen Lösungen angehen. Es ist absurd, dass ich als Privatperson in diese Entscheidungsposition komme. Taxmenow erfindet das Rad nicht neu. Wir schließen uns sozialen Bewegungen an.

Apropos: Wie läuft es eigentlich mit taxmenow? 

Wir sind seit Juni vergangenen Jahres aktiv. Mittlerweile haben wir zehn bis zwölf sehr aktive Mitarbeitende und 20 aus einem erweiterten Kreis. Wir sind im Vereins- und im Transparenzregister eingetragen und offen für alle, die sich gerne beteiligen und uns unterstützen wollen. Taxmenow freut sich über alle Vermögenden, die sich Gedanken machen und in den Austausch kommen möchten, denn wir wollen uns solidarisch an die Seite der Menschen stellen, die ohnehin diese Arbeit machen.

Ihre Initiative ist also noch recht klein. Kann taxmenow dann überhaupt repräsentativ sein für Millionär:innen und Milliardär:innen?

Das weiß ich nicht. Wenn man eine ehrliche Antwort haben möchte, müsste man das erheben. Millionär:innen sind aber nicht besonders auskunftsfreudig. Ich glaube, dass es nicht so wichtig ist. Unser Anliegen ist es zu zeigen, dass es eine Diskussion gibt. Zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland sind für eine Vermögenssteuer. Wir stellen uns auf die Seite der Mehrheit. Das wäre genug, um die Verfassung zu ändern. Es gibt in Deutschland 40 Steuerarten, die Jedermannssteuern (Einkommen Tabak, MWSt., etc.) finanzieren den Haushalt, aber keine ordentliche Vermögensbesteuerung. Das schreit doch zum Himmel. 

Millionen-Erbin Engelhorn ist Teil von taxmenow

Das ist die Initiative taxmenow

Taxmenow ist eine Initiative von Vermögenden, die sich aktiv für Steuergerechtigkeit im DACH-Raum (Deutschland. Österreich, Schweiz) einsetzt. Die Initiative strebt Veränderungen im Steuersystem und für das System als Ganze an. Daher setzen sich die Vermögenden für eine höhere Besteuerung von Vermögen ein, um mehr Chancen, Teilhabe und Zukunftsinvestitionen für die Gesellschaft zu erreichen. Diese soll sich an den Werten Gemeinwohl, Chancengleichheit und Zusammenhalt orientieren.

Dass sie eine Vermögenssteuer für Millionen und Milliardenvermögen fordern, ist für mich nicht neu. Was hat es aber mit der Vermögensabgabe auf sich, falls wegen der Schuldenbremse staatliche Aufgaben nicht finanziert werden können?

Die Schuldenbremse ist ein finanzpolitischer Unfug. Vermögensabgaben sind ein Problem, weil sie nicht strukturell wiederkehrend sind. Wenn die Schuldenbremse nicht eingehalten werden kann, dann könnte man dem mit einer einmaligen Abgabe entgegenwirken. Das ist aber nicht die Hauptforderung von taxmenow, sondern Wiedereinführung der Vermögenssteuer, Erbschafts- und Schenkungsteuern in Österreich bzw. Ausklammern dieser Ausnahmen in Deutschland. Außerdem: sinnvolle, progressive Kapitalertragssteuer und gute Ausstattung der Steuerbehörden.

Wieso wollen Sie das Erbe eigentlich abgeben?

Meine Geburt qualifiziert mich nur für die Würde des Menschen. Sonst für nichts. Wenn ich mir das Vermögen meiner Familie anschaue, bleiben so viele Fragen offen. „Wie schafft es eine Firma wie Boehringer Mannheim durch den Zweiten Weltkrieg? Wie geht das? Und welche Geschichte stecken dahinter? Welche Privilegien?“ Weiße Vorherrschaft, Klassenprivilegien und all das werden bequem ignoriert. 

Das heißt?

Es kann nicht sein, dass sich in einer Demokratie selbst ernannte Eliten entwickeln. Für mich ist es keine Frage, warum ich das hergebe oder nicht. Es ist eine Frechheit, dass es nicht besteuert und der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt wird. Das ist eine verachtende Haltung gegenüber denjenigen, die nicht privilegiert sind und pflichtbewusst Steuern zahlen. 

Zur Person: Marlene Engelhorn

Marlene Engelhorn ist die Enkelin der 94-jährigen Traudl Engelhorn-Vechiatto. Der verstorbene Mann ihrer Großmutter war ein Urenkel des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn und Mitgesellschafter der Boehringer-Mannheim-Gruppe. Hoffmann-La Roche hatte das Unternehmen 1997 für 11 Milliarden Euro gekauft. Engelhorn studiert Germanistik an der Univeristät Wien und setzt sich für eine gerechte Verteilung von Reichtum ein. Sie ist Teil des Netzwerkes „Millionairs for Humanity“ und engagiert sich bei der Initiative taxmenow.

Haben Sie Angst, dass Sie Ihre Familie wegen Ihres Engagements „enterbt“?

Mein Engagement ist unabhängig davon, ob ich erbe oder nicht. Wenn ich enterbt werde, dann werde ich halt enterbt. Mir doch egal. Das ändert nichts an meiner Haltung und das ändert nichts daran, dass ich mich bei taxmenow gerne engagiere.

Gab es einen Moment, wo es bei Ihnen Klick gemacht hat? „Das ist alles ungerecht, das möchte ich ändern?“

Wer denkt, dass sich unser Leben als Kette vermeintlich logischer Ereignisse entwickelt, irrt. So gesehen gab es bei mir keinen speziellen Moment. Aber die Privilegien-Scheuklappen, die man aufhat, wenn Sie in so einer vermögenden Familie aufwachsen, sind unglaublich. Reiche Menschen haben einen verengten Blick auf die Welt. Es ist nicht vorgesehen, dass sich dieser Blick weitet. 

Bei Ihnen klingt das anders.

Bei mir ist es ja sehr eklatant. Politik, Wirtschaft und Medien bevorzugen reiche Menschen. Diese Privatmacht ist übergroß. In Österreich werden keine Erbschaften besteuert. Dabei beruft man sich auf die Leistungsgesellschaft, die menschenverachtend ist. Grundsätzlich muss der Mensch nichts leisten, um ein gutes und würdevolles Leben zu verdienen. 

Marlene Engelhorn: „Es ist ein wiedergekäutes Narrativ“

FDP-Finanzminister Christian Lindner sagt immer wieder, dass Leistungsträger:innen in Deutschland nicht übermäßig belastet werden sollten. Was würden Sie ihm antworten?

Dann würde ich gerne ausrechnen, wie viel Leistung ein Mensch erbringt, der sich um die Familie kümmern muss. Oder der einen Zweitjob hat und ein Elternteil pflegt. Das ist die Mehrheit der Steuerzahler:innen. Ich verstehe nicht, wieso die nicht entlastet werden. Herrn Lindners Argumentation kann ich nicht folgen, da nicht viel dahinter steckt. Es ist ein wiedergekäutes Narrativ, das manche Menschen strukturell bevorzugt. Reiche Menschen, besonders Familienunternehmer, betreiben Lobbyarbeit. Und dann wird ein Lieferkettengesetz zahnlos geprügelt, das die Bedingungen für Mitarbeitende weltweit eigentlich verbessern sollte. Es ist problematisch, dass Reiche so bevorzugt werden.

Engelhorn vertritt die These, dass der Mensch nichts leisten müsse, um ein gutes und würdevolles Leben zu haben.

Wie sollte das Steuersystem in dieser Hinsicht reformiert werden?

Ich will nicht behaupten, dass es einfach wäre, diese Dinge zu reformieren. Wir bei taxmenow sagen zwar, was wir fordern, aber nicht wie. Diese Aufgabe hat das demokratisch gewählte Parlament, also die Politik. Eine der wichtigsten Debatten in einem Parlament ist übrigens Haushaltspolitik. Fast alles, was wir in unserer globalen Welt regeln, bezahlen wir mit Geld. Dafür sitzen Parlamentarier:innen in unseren Parlamenten. Wie transparent und inklusiv das alles ist, ist eine andere Frage. In Österreich ist der Verbesserungsbedarf dahingehend eklatant.

Arbeiter:innen sind unterrepräsentiert im Bundestag. Wie ist es in Österreich? 

Ich glaube, wir haben ein oder zwei Arbeiter:innen im Parlament und das ist einfach lächerlich. Wenn ausreichend Menschen repräsentativ vertreten sind, können sie die Gesellschaft besser vertreten und besser entscheiden für das Gemeinwohl. Es kann nicht sein, dass eine Lobby für Automobilverkehr ein Übergewicht hat im Vergleich zum öffentlichen Nah- und Fernverkehr. 

Mit taxmenow fordern Sie beispielsweise, dass das Geld von oben nach unten umverteilt werden solle. Kritiker:innen könnten Ihnen vorhalten, dass Sie diesen Menschen „etwas wegnehmen“ würden. 

Das hat nichts mit etwas wegzunehmen zu tun. Es gibt eine strukturelle Schieflage. Ich verstehe nicht, warum reichen Menschen das Gesicht herunterfällt, wenn sie Steuern zahlen. Ich halte das für das Demokratischste überhaupt und für etwas, das man mit Stolz erledigen kann. Dadurch wird alles finanziert, was die Strukturen unseres öffentlichen Lebens gewährleistet. Und nochmals eine Erinnerung an Herrn Lindner: Die Vermögenssteuer in Deutschland ist ausgesetzt, nicht abgeschafft. Das ist ein Auftrag an die Regierung, sie wieder ins Rennen zu bringen. 

Die SPD zog mit einer Vermögenssteuer 2021 in den Bundestagswahlkampf in Deutschland.

Zur Bundestagswahl 2021 hatte die SPD ein sehr konservatives Modell für eine Vermögenssteuer vorgestellt. Es hätte gerade einmal 21.000 Haushalte in Deutschland betroffen. Angenommen, jemand legt zwei Millionen Vermögen am Finanzmarkt an. Rechnen wir konservativ mit fünf Prozent Rendite pro Jahr. Dann hätte sich bei einer einprozentigen Vermögenssteuer das Vermögen immer noch um vier Prozent erhöht. Das abzulehnen ist Gier. Das hat nichts mehr mit irgendeiner Wirtschaftlichkeit zu tun.

Über IPPEN.MEDIA

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen u.a. Marken wie Münchner Merkur, Frankfurter Rundschau und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

Engelhorn: SPD-Modell hätte Staat 15 bis 25 Milliarden Euro eingebracht

Was halten Sie von diesem Modell, das die Partei nicht durchsetzen konnte?

Das Modell der SPD hätte dem Staat 15-25 Milliarden Euro pro Jahr eingebracht. Trotzdem halte ich es für viel zu gering. Das ist meine persönliche Haltung, nicht die offizielle von taxmenow. Es hätte niemanden ärmer gemacht. Das Vermögen hätte sich nur etwas langsamer vermehrt. Ohnehin wären erst hohe Vermögen ab zwei Millionen betroffen gewesen. Hier sagt Herr Lindner dann: „Oh Gott nein, die Leistungsträger werden alle weinen und flüchten“.

Damit könnte man beispielsweise ein 9-Euro-Ticket finanzieren oder das Geld in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs stecken. 

Genau. Je mehr wir gesellschaftlich, öffentlich decken können, desto besser. Der Philosoph und Staatstheoretiker Hobbes hatte die Idee, dass der Staat nur für Sicherheit zuständig sein müsse. Das ist vorbei. Er hat dafür zu sorgen, dass es den Menschen gut geht. Der Staat veranstaltet nicht nur Blödsinn, er ist die transparentere Instanz im Vergleich zur Privatwirtschaft. Überreiche geben in der Regel nicht gerne preis, wo sie Einfluss nehmen. Es wird Zeit, dass die öffentlichen Interessen und die demokratischen Prozesse wieder gestärkt und nicht von privaten Interessen ausgehebelt werden können. (Interview: Moritz Serif)

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